• S.

    PROF. DR. FREUD

    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    Noordwijk a.Z.
    23. 8. 10.

    Lieber Doktor

    Gleichzeitig mit Ihrem Brief kam ein Schreiben
    eines Landsmannes, das ich Ihnen beiliege,
    weil ich ihm geantwortet, er solle sich um Aus-
    kunft an Sie wenden, wobei ich die Hoffnung
    ausgesprochen, daß Sie für seinen Fall der
    richtige Mann sein könnten. Er scheint ein
    Analcharakter, denn er hatte a dime in
    Substanz beigelegt.

    Es thut mir leid, dass Sie Schwierigkeiten mit
    Stanley Hall gehabt haben. Der alte Herr
    ist vielleicht in einer Verstim̄ung, denn er
    hat auch mir auf den Leonardo nicht geant-
    wortet u wird diese Phase wieder über-
    winden. Auf die Übersetzung der Sexualtheorie
    freue ich mich sehr. Putnam hat mir auch ge-
    schrieben, daß er die Gründung der Orts-
    gruppe unternehmen will.

    Jones war 2 1/2 Tage hier, sehr liebenswürdig
    u hat sich bemüht, mehr zu essen, um seinen
    Ruf bei den Kindern herzustellen. Es waren  
    sehr angeregte Stunden, ich bin mit seinem
    Plan eine kleine Psychiatrie als Lehrbuch
    zu schreiben, in der die Psychoneurosen
    an ihrer Stelle als Einführung zu den
    Psychosen stehen sollen, sehr einverstanden,

  • S.

    habe ihn aber sonst vor der Gefahr der Zersplitterung
    gewarnt.

    Mein Aufenthalt in Holland in der Nähe meiner
    holländ. Patienten hat zur Folge, daß ich einige
    Leute ken̄en gelernt habe, die sich für ΨA
    interessiren u versprechen sich mit ihr zu be-
    schäftigen. Heute habe ich auch den (nachgeschickten)
    Brief eines Dr Bjerre aus Stockholm bekom̄en,
    der vom Hypnotismus zur ΨA übergegangen ist
    u mich sprechen will, ehe er dort einen
    ersten Vortrag über ΨA hält. Vielleicht
    kann ich ihn noch hieher kom̄en lassen.

    Am 27. erwarte ich Ferenczi, mit dem ich
    nach einigen Tagen hier u in Belgien den
    Weg nach Sizilien machen will. Die Seereise
    soll aber durch Landreise ersetzt werden.
    Wetter u Aufenthalt waren hier sehr schön,
    ich habe etwas unter dem Mangel an Inter-
    essen gelitten. Das Volk befindet sich sehr
    wol. Ihre guten Nachrichten von Ihrem Hause
    haben mich sehr erfreut und Ihre Finken
    benehmen sich wie ein gutes Omen.

    Ich grüße Sie u Ihre l. Frau herzlich
    Ihr treuer
    Freud

     

    P.S. Das Buch von Hitschmann
    „F's Neurosenlehre“ ist eben
    druckfertig geworden.