• S.

    PROF. DR. FREUD

    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    22. 1. 14.

    Lieber Doktor

    Ich bin sehr erfreut, daß sich Fisher Unwin
    bereits wegen Totem and Taboo an Sie
    gewendet hat, u daß Sie Aussicht haben
    diese Übersetzg mit Hilfe des Kollegen
    zu beschleunigen. Sie bringen sie doch
    vor dem „Witz“, der gar nicht eilt.
    Ich wäre auch ganz zufrieden, wenn ich
    einen Abzug lesen könnte, denn in
    der Trdeutung finden sich in der That
    mehrere kleine textliche Misverständ-
    nisse, die so vermieden werden könnten.
    F. U. scheint mir auch den Vorzug vor
    Allen zu verdienen.

    Ihre guten Nachrichten von Haus und Praxis
    überraschen mich nicht, aber machen mich
    froh. Ihr Rechenschaftsbericht, weshalb
    Sie sich scheinbar von uns zurückgezogen
    haben und nicht zum Kongreß gekom̄en
    sind, ist dagegen nicht zureichend. Sie haben
    nicht Recht, wir lieben Sie alle, Ferenczi
    ebenso; die Nichtbeantwortung eines
    Briefes ist kein Beweis fürs Gegen-
    teil. So haben Sie uns auf dem Kongreß
    gefehlt und an den bevorstehenden
    Entscheidungen keinen Anteil genom̄en.

  • S.

    Der nächste Kongreß soll in Dresden stattfinden
    wenn es überhaupt dazu kommt. Jung ist vom
    Jahrb zurückgetreten, ich habe es über-
    nom̄en, Abraham u Hitschmann zu Redak-
    teuren bestim̄t und werde in den ersten
    Band (1914 Juli) eine scharfe Absage an
    die Züricher einrücken, betitelt: Zur Geschichte
    der ψα Bewegung. Danach wird, glaube ich,
    der Zerfall der I.V. automatisch erfolgen.

    Es giebt sehr viel zu thun u zu schreiben.
    Die Freunde sind recht thätig, von den
    Gegnern u Feinden hören wir sehr
    wenig. Jeder Verkehr mit Zürich ist
    abgebrochen, nur nicht mit Bleuler.

    Zu Weihnachten war ich in Berlin u
    in Hamburg, um meine Tochter zu besuchen,
    bei der es gut geht.

    Mit herzlichen Grüßen für Sie,
    Frau u Töchterchen
    Ihr getreuer
    Freud