• S.

    PROF. DR. FREUD

    WIEN IX., BERGGASSE 19

    11 Juni 22

    Lieber Brill

    Auch ich war sehr erfreut endlich einen
    Beitrag von Ihnen für das Journal
    zu sehen, hoffentlich nicht den letzten.
    Dagegen hat es mir leid gethan zu hören,
    daß Sie eine böse Zeit hinter si gehabt
    haben. Aber Sie sind jung, haben Erfolg
    u aus Ärger darf man sich nichts
    machen.

    Ich rechne mit Bestimmtheit darauf, Sie
    zum Kongreß in Berlin zu sehen. Die
    amerikan. Gruppe leidet sehr an
    zwei Eigenheiten, erstens am Mangel
    eines intimeren Zusam̄enhangs unter
    ihren Mitgliedern, zweitens an der
    Lockerheit ihrer Beziehungen zu
    den europaeischen Gruppen. Der erste
    Mangel könnte noch behoben werden,
    wenn die Gruppe sich entschließt, sich
    einen Führer zu geben, der nicht jähr-
    lich abgelöst wird. Das ist eine ganz
    unangemessene Nachahmung der
    amerik. Demokratie, wo ganz andere
    als politische Grundsätze in Betracht
    kommen. Dieser Führer hätten Sie
    von Anfang an sein sollen, aber
    Sie haben die Gelegenheit nicht
    ergriffen, u jetzt meine ich, Frink
    wird sich dazu eignen, wenn er
    erst seine persönlichen Angelegen-
    heiten geordnet hat. Es ist alle
    Aussicht, daß er ruhig und gefestigt 

  • S.

    nach Hause kommt. Ich hoffe, Sie werden
    ihn dann mit Ihrer Erfahrung und
    Ihrem Einfluß unterstützen. Er
    geht übrigens auch nach Berlin

    Den Beschluß Ihrer Gruppe über
    die Laienanalyse halte ich im Gegen-
    satz zu Ihnen und auch zu Frink
    für eine bedauerliche Kurzsichtigkeit.
    Sie haben sowenig wie wir in Europa
    die Macht, die Laienanalyse zu unter-
    drücken, müßen zugeben, daß die Analyse
    weit über die Medizin hinausreicht
    u daß medizin Vorbildung für ihre
    Ausübung nicht unbedingt erforder-
    lich ist. Der einzige Ausweg ist also,
    Leute in der Analyse so auszubilden,
    daß er vertrauenswürdig ist u den
    Begriff der Laien auf alle auszu-
    dehnen, die keine solche Ausbildung
    genossen haben, seien sie nun Ärzte
    oder nicht.

    Ich grüße Sie u die Ihrigen herzlich.
    Ihr
    Freud