• S.

    PROF. DR. FREUD

    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    28 Dez 1933

    Dear Brill

    Habe ich wirklich Ihren letzten Brief ohne
    Antwort gelassen? Ich weiß es nicht
    mehr, aber wenn Sie anehmen, daß
    ich mit der Absicht Ihres Rücktritts
    nicht einverstanden war, dann haben
    Sie Recht. Ich freue mich, daß Ihr letzter
    Brief nichts mehr von dieser Stim-
    mung enthält, ich bin überzeugt,
    daß niemand in Amerika unserer
    Sache besser dienen kann als Sie
    und daß Ihre Abwendung das Chaos
    entfesseln würde. Es ist richtig, daß
    Ruth stark gegen Sie beeinflußt
    zurückgekommen ist, aber so lieb
    wir sie haben, so überschätzen wir
    doch nicht die Objektivität ihres
    Urteils und können ihm kein Ge-
    wicht beilegen. Ich hoffe doch, es wird
    Ihnen noch gelingen, all diese
    Stürme im Wasserglas zu be-
    schwichtigen. Meines Vertrauens
    sind Sie sicher.

    Im Übrigen bin ich nur froh, wenn
    ich von Einzelheiten verschont
    bleibe. Jones scheint in der jetzigen
    schwierigen Situation geschickt
    u gewissenhaft zu arbeiten

  • S.

    und Ophuijsen und Anna helfen ihm nach
    ihren Kräften. Wir haben eine neue
    Diaspora mit all ihrem Elend und
    ihren hoffnungsvollen Ansätzen.

    Daß die Journalistik ihre Ungeduld so
    deutlich zeigt, meine Nekrologe anzu-
    bringen, ist gewiß nicht liebenswürdig
    und muß von Fall zu Fall wider-
    sprochen werden, aber einmal wird
    sie doch Recht haben und lange wird
    es auch nicht dauern bis dahin. Finden
    Sie nicht auch, daß 77-78 Jahre vielleicht
    genug ist für einen Menschen,
    besonders wenn er nichts mehr recht
    machen und sowenig genießen kann?
    Da wäre etwas, was man mir zum
    neuen Jahr wünschen könnte; alles
    andere Gute wünsche ich Ihnen und
    den Ihrigen.

    Herzlich Ihr
    Freud