• S.

    PROF. DR. FREUD

    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    24. 5. 1938

    Lieber Brill

    In diesen Zeiten ist es nichts Beson-
    deres, wenn man jemand helfen
    will und jemand um etwas zu
    bitten hat. Also hören Sie: Ich brauche
    ein Affidavit für ein junges
    Paar: Jur. Dr Robert Kann geb 1906.
    und
    Jur. Dr Marie Kann – geb 1907

    Nun das Motiv: Frau Dr Kann
    ist eine Enkelin von Dr Breuer,
    den Sie ja einmal besucht haben.
    Er war, glaube ich - nicht sehr freund-
    lich mit Ihnen und jetzt haben
    Sie eine gute Gelegenheit zu einer
    edlen Revanche. Diese Erblichkeits-
    beziehung können Sie auch Begründung
    Ihres Affidavits verwenden.

    Ihre Leistung wird sicherlich erleichtert
    werden, wenn ich Ihnen mittheile,
    daß dies Affidavit höchst wahrschein-
    lich nicht in Anspruch genom̄en
    werden wird. Die Leutchen wollen
    gar nicht nach Amerika kom̄en,
    sondern wollen nur eine Einreise
    nach England haben, wo sie hoffen,
    bleiben zu können, aber sie be-
    kom̄en diese Einreise nicht, wenn
    sie nicht durch das Affidavit für
    Amerika gedeckt sind. Wie das
    zugeht, verstehe ich zwar nicht,

  • S.

    aber ich verstehe ja überhaupt nicht mehr
    viel von den Vorgängen in dieser
    toll gewordenen Zeit, und jeden-
    falls so wurde es mir angegeben.
    Im̄erhin befriedigt es mich, daß ich Sie
    nur um eine Formalität zu bitten habe.

    Die Adresse des Paares ist: IX Kolingasse 13.

    Ich hoffe, bei Ihnen ist alles wol.
    Wir haben schon eine vorläufige
    Adresse in London N.W. 3
    39 Elsworthy Road, aber Gott
    weiß, wann wir dort eintreffen
    werden. Komplizirte Steuer-
    verhandlungen halten uns noch fest.
    Mein Sohn Martin u meine Tochter
    Mathilde sind schon abgereist.

    Mit herzlichen Grüßen
    für Sie Alle
    Ihr
    Freud

    P.S. Ihre Antwort bitte an Kann.