Freud, Sigmund – Brill, Abraham (14.02.1909)

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  1. PROF. DR. FREUD

    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    14. 2. 09

    Dear Dr Brill

    Mut! Lassen Sie sich nicht einschüchtern u halten
    Sie mich nicht für ängstlich. Es ist wahr, daß Gelder-
    wägungen bei mir eine Rolle spielen müßen,
    da ich für meine Kinder viel brauche u nichts
    erspart habe, was ich ihnen hinterlassen kann,
    aber ich verstehe, das Nähere dem Ferneren
    zu opfern und hätte mich doch zur Reise nach Amerika
    entschloßen, wenn dort die Sache anders stünde 
    Ihre Übersetzungen zB. schon im Umlauf wären
    und der nicht zu vermeidende Kampf um die
    Sexualität bereits wütete. Bei dem heutigen
    Stand der Dinge müßte ich fürchten, Ihnen Beiden
    die Arbeit zu verderben u vom ersten Windstoß
    der Prüderie auf die Seite geblasen zu
    werden. Es ist noch nicht Zeit, aber ich stimme
    mit Ihnen überein, daß sie kom̄en wird
    u dann werde ich, wie Sie sagen, nicht ablehnen.

    In Ihrer Meinungsverschiedenheit mit Jones
    muss ich aufs Entschiedenste Ihre Partei
    nehmen. Jones will überschlau sein. Es wäre
    eine unwürdige u dabei doch unkluge
    That, die Sexualität – sagen wir: Erotik, das
    klingt feiner - zu verstecken u so dem Vorbild
    der Neurotiker selbst zu folgen. Wir können
    nur Eindruck machen, wenn wir uns treu
    bleiben, die Wahrheit aufdecken u das
    Publikum so behandeln wie unsere
    Kranken. Also die Widerstände auf- 

  2. wecken, allmälich, schonend aber doch im Ganzen
    unerbittlich wahrhaft. Dann wird wie in Europa
    ein Theil über uns herfallen, ein anderer aber
    zur Besinnung kom̄en u zu untersuchen anfangen,
    ob wir nicht Recht haben. Es wäre ganz unpsycholog-
    isch zu erwarten, daß wir durch eine Überrumplung
    u ohne Kampf uns durchsetzen können. Also
    machen Sie sich nur an die Übersetzungen, für
    die Ihnen der Abbruch mit Morton Prince,
    der ein schäbiger Achselträger zu sein scheint, Ihnen
    Zeit läßt.

    Ihre Bemerkungen über die prophetischen Träume
    können den Kern einer lehrreichen kleinen
    Arbeit bilden. Nehmen Sie einiges andere über
    Tr hinzu, zB. die Fälle, in denen Tr sich als
    Vorsätze enthüllen, die man später ausführt
    wie den Tr der Dora oder die historischen Tr
    von Feldherrn u Königen, durch die sie angeblich
    zu ihren Eroberungszügen veranlasst
    wurden.

    Hier geht es gut. In Deutschland haben die bestätig-
    enden Publikationen entschieden Oberhand.
    Das Jahrbuch erwarten wir alle mit Spannung.

    Die Meinigen sagen Ihnen herzlichsten Dank
    für das Kabel zur Hochzeitsfeier. Das junge
    Paar hat leider Schneefall in Mailand
    u Genua, (Unser Winter ist heuer besonders
    streng) doch schreiben sie in heiterster Stim̄ung.

    Mit schönsten Grüßen für Sie u
    Ihre liebe Frau
    Ihr treu ergebener
    Freud

    P.S. Das Interesse der protestant.
    Kreise an unserer ΨA ist
    sehr merkwürdig (Pfister in
    Zürich)

Datum
14.02.1909
Art
Umfang/Seiten
2
Absendeort
Berggasse 19
1090 Wien
Österreich
Archiv Signatur
C18F23
Veröffentlicht

01.11.2013

Aktualisiert

27.10.2015

Die diplomatischen Umschriften der vorgestellten Texte bedürfen noch weiterer Korrekturen, erst dann kann mit der Annotation begonnen werden.
Beiträge und Korrekturen Ihrerseits sind sehr willkommen!