Freud, Sigmund – Brill, Abraham (07.07.1909)

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  1. PROF. DR. FREUD

    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    7. 7. 09

    Dear Dr Brill

    Meinen herzlichen Glückwunsch zur Klinik!
    Ich finde, das ist schnell gegangen. Jetzt haben
    Sie wol festen Fuß gefaßt, worüber wir
    uns Alle mit Ihnen freuen.

    Meine Weigerung in NY selbst Vorträge
    zu halten, möchte ich Ihnen mit einigen
    Worten aufklären. Sie hat einen einzigen
    aber sehr guten Grund, den der Schonung.
    Ich bin durch das Jahr schwerer Arbeit sehr
    hergenom̄en, obwol man es äußerlich nicht
    bemerken wird, eben nicht krank oder
    nervös, sondern normal arbeitsmüde,
    u das Einzige, was mir das Vergnügen an
    der Reise stört, ist die Erwägung, daß ich
    die 2monatliche Enthaltung von geistiger
    Arbeit einbüße, die mich sonst in den
    Stand setzt , im Herbst mit frischen Kräften
    zu beginnen. Darum allein will ich in
    Amerika nicht fortsetzen, was ich hier zur
    Übersättigung geübt habe. Also Hygiene, die
    Woche in Worcester wird ja anstrengend
    genug sein und auf dem Schiff werden
    wir aus dem Debattiren u Erzälen nicht
    herauskom̄en. Daß wir eine Woche frei
    haben, ehe wir nach W. fahren, ist sehr
    schön, aber ich denke, wir reisen in
    diesen Tagen u sehen uns Natur an. 

  2. Niagara denke ich und was Sie sonst raten. Am
    schönsten wäre es, wenn Sie mit uns giengen.
    Denken Sie Salzburg in Amerika. Jungs Mit-
    fahrt hebt ja die ganze Unternehmung
    außerordentlich.

    Jones ist unerfreulich, das glaube ich auch.
    Daß Sie die Dora dazu nehmen wollen, ist sehr
    schön, aber Sie vermehren Ihre Arbeit.

    Am 14 reisen wir nach Ammerwald
                           Post Reutte in Tirol.
    Ihre Briefe bis z 18 Aug treffen mich aber
    ebensowol unter der Wiener Adresse.

    "Abreaction" scheint mir auch gut zu sein.
    Der Rattenmann von Salzburg, wenn Sie ihn
    noch erinnern, ist eben fertig geworden
    u wird morgen an Jung abgeschickt.

    Ich grüße Sie herzlich in der Erwartung
    des näher gerückten Wiedersehens
    u bitte Sie mich Ihrer Frau zu empfehlen
    Ihr treu ergebener
    Freud

Datum
07.07.1909
Art
Umfang/Seiten
2
Absendeort
Berggasse 19
1090 Wien
Österreich
Archiv Signatur
C18F23
Veröffentlicht

01.11.2013

Aktualisiert

27.10.2015

Die diplomatischen Umschriften der vorgestellten Texte bedürfen noch weiterer Korrekturen, erst dann kann mit der Annotation begonnen werden.
Beiträge und Korrekturen Ihrerseits sind sehr willkommen!