Ernst Falzeder (2014): Abraham A. Brill und sein Briefwechsel mit Sigmund Freud

Aus Anlass der bevorstehenden Veröffentlichung der Briefe Freuds an Brill im Internet stellt der Text kurz Brills Leben bis zum Treffen mit Freud und dem Beginn ihrer Korrespondenz vor. Anschließend werden einige Themen herausgegriffen, die im Briefwechsel breiten Raum einnehmen, und einige Zitate dazu präsentiert.

Abraham Arden Brill (manche Quellen geben den Geburtsnamen mit Brüll an) wurde am 12. Oktober 1874 in der damals österreichisch-galizischen Kleinstadt Kańczuga geboren (heute in Polen im Powiat Przeworski in der Woiwodschaft Karpatenvorland, etwa in der Mitte zwischen Przemyśl und Rzeszów).


Ausschnitt aus der Karte „Österreich-Ungarn 1914“ von Freytag-Berndt & Artaria, Wien; Kánczuga in der Bildmitte

Er gehörte damit der ersten Generation der genuin psychoanalytischen Schüler Freuds (geb. 1856) an; zum Vergleich: Paul Federn, geb. 1871; Sándor Ferenczi, geb. 1873; Carl Gustav Jung, geb. 1875; Alfred Adler, geb. 1879.

Die Daten über sein Leben vor seiner Karriere in Amerika sind spärlich und teils widersprüchlich. Elisabeth Roudinesco und Michael Plon geben an (2006, S. 155)[1]:

Sein Vater war Offizier in der kaiserlichen Armee und gab ihm eine militärische Erziehung, obwohl er davon träumte, ihn Arzt werden zu sehen. Seine Mutter hingegen wollte, dass er Rabbiner würde. Nach Aufenthalten [mit der Familie] in zahlreichen Gegenden Mitteleuropas und dem Erlernen mehrerer Sprachen, darunter hebräisch, emigrierte er im Alter von 15 Jahren nach den Vereinigten Staaten, nachdem er in einen heftigen Konflikt mit seinem Vater geraten war.

Auf der Überfahrt nach New York wurde er selbst noch um seine armseligen Mittel betrogen, sodass er „im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ ohne einen Dollar in der Tasche, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, und ohne einen Freund, der seine Armut und Einsamkeit hätte lindern können”, ankam (Romm, 1966, S. 210). Er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, fegte Bars, gab  Mandolinenunterricht, spielte um Geld Schach oder gab, nach Erlernen der Sprache, anderen Emigranten Englischnachhilfe. „Vierzehn schmerzhafte Jahre lang arbeitete er sich durch die Schule, oft mit weniger als fünf Stunden Schlaf pro Nacht. Immer wieder musste er die Ausbildung aus Geldmangel unterbrechen“ (Hale, 1971, S. 394). 1898 schloss er schließlich am New York City College ab, 1901 machte er seinen Ph.B. an der New York University, und 1903 erhielt er seinen medizinischen Doktortitel am Columbia University College of Physicians and Surgeons. Er wurde dann für vier Jahre Assistenzarzt am Central Islip State Hospital, Long Island. Während dieser Zeit studierte er die englische, deutsche, italienische und französische neurologische und psychiatrische Literatur und stand in Korrespondenz und direktem Kontakt mit dem Psychiater Adolf Meyer, „dem einflussreichsten Psychiater in der Geschichte Nordamerikas im 20. Jahrhundert“ (Roazen, 1998, S. x[c]), der „die amerikanische Psychiatrie zwischen den beiden Weltkriegen dominierte“ (Hale, 1971, S. 4).[2] Meyer ermunterte ihn, seine, Meyers, Therapiemethoden anzuwenden (Romm, 1966, S. 211), aber es war auch bei einem von Meyer gehaltenen Ausbildungskurs am Pathological Institute of the New York State Hospitals, wo Brill erstmals etwas über Psychoanalyse erfuhr (Hale, 1971, S. 74).

Nach vier Jahren im US-staatlichen Krankenhaussystem war Brill ohnehin enttäuscht über die „Hoffnungslosigkeit“ der dortigen Methoden (Brill, 1947, S. 575) und entschloss sich, zur weiteren Ausbildung auf ein Jahr (1907-1908) zurück nach Europa zu gehen, zuerst nach Paris zu Pierre Marie am Hospice de Bicêtre, und dann, enttäuscht von dem Gebotenen und auf Anregung seines Mentors Frederick Peterson, an die Kantonale Heilanstalt und Psychiatrische Universitätsklinik „Burghölzli“ in Zürich. „Warum gehen Sie nicht nach Zürich, zu Bleuler und Jung?“, hatte ihm Peterson geschrieben, „die machen die Freud-Sachen dort. Ich glaube, das würde Ihnen gefallen“ (in Lewin & Ross, 1960, S. 27). „Frederick Petersons Ratschlag an Brill im Jahr 1907, Paris zu verlassen und bei Jung in Zürich zu studieren“, meint Sanford Gifford (1978, p. 330), „war ein Wendepunkt sowohl in Brills Laufbahn als auch der zukünftigen Entwicklung der Psychoanalyse in New York“.

Die Art, wie sie dort an den Patienten herangingen und ihn untersuchten, war fast wie eine Erleuchtung für mich. Der Patient wurde nicht einfach klassifiziert, sondern sie nahmen seine Halluzinationen, eine nach der anderen, und versuchten herauszufinden, was jede von ihnen bedeutete und warum der Patient genau diese Wahnvorstellungen hatte. … Für mich war das absolut neu und aufschlussreich (Brill, 1908, S. 223).

Oder:

Ich wurde von den Krankengeschichten gefesselt, weil der Patient nicht mehr als etwas völlig Fremdes und Verrücktes dargestellt wurde, als das ich ihn bis dahin betrachtet hatte (Brill, 1944, S. 33).

Zusammen mit den anderen Zürchern, allen voran Eugen Bleuler und C. G. Jung, aber auch zum Beispiel Karl Abraham, Max Eitingon oder Ernest Jones, der sich damals ebenfalls am Burghölzli aufhielt, besuchte er dann die erste internationale Zusammenkunft von Analytikern am 26. und 27. April 1908 im Hotel Bristol in Salzburg (vgl. Falzeder, 2004), wo er die persönliche Bekanntschaft Freuds machte. „Nach dem Kongreß“, berichtet Jones, „fuhren Brill und ich nach Wien, wo wir die wunderbare Gastfreundschaft der Freudschen Familie kennenlernten, und von da nach Budapest, um Ferenczi zu besuchen“ (1955, S. 63). In jener Zeit kam es auch zu einer Art Analyse Brills durch Freud, und zwar auf gemeinsamen Spaziergängen, wie Freud das auch bei anderen Analytikern fallweise praktizierte (z.B. mit Eitingon [Freud & Jung, 1974, S. 281; Freud & Eitingon, 2004, S. 59] und van Emden [Freud & Ferenczi, 1993, S. 400]). Romm schreibt sogar, dass es zu einer Art gegenseitiger Analyse gekommen sei: „Unter großen finanziellen Opfern verbrachte er einige Zeit in Wien, wo Freud und er lange Spaziergänge machten, über die Psychoanalyse diskutierten, sich gegenseitig ihre Träume erzählten und diese analysierten“ (1966, S. 212-213). Solche gegenseitigen Traumanalysen fanden dann übrigens ein Jahr später auch zwischen Freud, Jung und Ferenczi am Schiff auf der Überfahrt nach New York statt …

Bei dieser Gelegenheit überließ Freud Brill auch die Übersetzungsrechte seiner Schriften ins Englische; laut Jones auf Brills eigene Bitte (Jones, 1955, S. 64), während dieser selbst sich „mit großer Befriedigung“ daran erinnerte, dass ihn Freud geradezu „gedrängt“ hätte, diese Aufgabe zu übernehmen (Romm, 1966, S. 213).[3] Dies führte in der Folge zu einer langen Reihe „endloser persönlicher und sogar juristischer Schwierigkeiten“ (Jones, 1955, S. 64) sowie zu ständigen Konflikten zwischen Brill und Jones – Rivalen um die Vormachtstellung am nordamerikanischen Kontinent –, deren Besprechungen auch einen erheblichen Teil des Freud/Brill-Briefwechsels ausmachen. Es ist daher mit mehr als einem Körnchen Salz zu nehmen, wenn Jones schreibt, dass er in Brill einen „Freund von unverbrüchlicher Treue [hatte], wie ich nie einen besseren gehabt habe“ (ibid., S. 64).

Brill machte eine erstaunliche Karriere in Amerika, man könnte fast sagen, vom Tellerwäscher zum Millionär („eine klassische amerikanische Erfolgsstory“; Hale, 1971, S. 392). Leider gibt es, wie erwähnt, fast nichts über seine Kindheit und Jugend in Galizien. (Der Wikipedia-Eintrag über Kańczuga erwähnt ihn zwar – als einzigen Namen – unter „Söhne und Töchter der Stadt“, allerdings nur mit dem Zusatz „Psychiater und Psychoanalytiker“ ohne weitere Informationen.) Brill selbst, der einige autobiographische Artikel verfasste, „publizierte fast nichts über die ersten vierzehn Jahre seines Lebens …, noch beschrieb er genauer die ersten Jahre nach seiner Ankunft in New York“ (Hale, 1971, S. 389). Im Alter erinnerte er sich gegenüber Smith Ely Jelliffe, dass er in seiner häuslichen Umgebung, wo ihn sein Vater wie ein „Oberfeldwebel“ behandelte, „buchstäblich erstickte“ und, mit einem romantischen Bild von Amerika als „verheissungsvolle, gnädige Wildnis mit viel Platz für einen jungen Burschen“ im Kopf, seinen Eltern so lange auf die Nerven ging, bis sein Vater seiner Abreise zustimmte: „Er hoffte, dass das eine heilsame Erfahrung für mich werde und ich sehr froh sein würde, wieder zurück zu kommen und daheim zu bleiben“ (4.12.1940; in ibid., S. 390).

Hier möchte ich Brills erfolgreiche Laufbahn in Amerika, seine erfolgreiche Privatpraxis, seine Positionen z.B. an der Columbia und New York University, seine führende Stellung in der amerikanischen institutionalisierten Psychoanalyse, seine publizistische Tätigkeit, seinen Widerhall in Medien wie der New York Times usw., nicht weiter verfolgen,[4] sondern mich auf seinen Briefwechsel mit Freud konzentrieren. Dieser Briefwechsel begann 1908 nach Brills Rückkehr nach New York und ging bis zum 16. Mai 1939, d.h. bis wenige Monate vor Freuds Tod im September desselben Jahres. Die erhaltene Korrespondenz im Freud-Archiv der Library of Congress in Washington, DC, besteht aus 22 Sendungen Brills und 124 Sendungen Freuds[5] höchst unterschiedlicher Länge, von einer Unterschrift auf einer Ansichtskarte bis zu seitenlangen Briefen. Dieses Konvolut ist zweifellos eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste, unter den bisher noch unveröffentlichten Freud-Korrespondenzen (vgl. Falzeder, 2007). Einige Themen werden von beiden immer wieder angesprochen:

1.    Die Entwicklung der Psychoanalyse in New York und in den USA, sowie die Widerstände (sei es von innen, sei es von außen), denen sie begegnet.

Brill, ein echter ‚Pionier‘ der Analyse in Amerika („Zwischen 1908 und 1910 war Brill der einzige Analytiker in New York, ja im gesamten Land“; Romm, 1966, S. 213), berichtet über seine Anstrengungen im Interesse der „Sache“: „Ab nun wird es mein Hauptziel sein, Ihre Ideen zu verbreiten“ (17.8.1908). Freud hofft, dass „New York bald ein neuer Infektionsherd [sic] sein wird wie bisher Zürich“ (2.7.1908). Widerstände richten sich anfangs vor allem gegen die Betonung der Rolle der Sexualität. Morton Prince (1854-1929) zum Beispiel, der einflussreiche Neurologe und Psychopathologe, hätte „Antipathien gegen sexuelle Fragen“ (Brill, 23.10.1908), oder William Parker von der Columbia University und Herausgeber der Zeitschrift Psychotherapy: a Course of Reading in Sound Psychology, Sound Medicine and Sound Religion, in der Freud einen Artikel veröffentlichen hätte sollen, „verwahre sich gegen Ausdrücke wie ‚homosexuell‘, weil er befürchtet, dass es die Ladies schockieren würde“ (Brill, 18.11.1908). Freud ist wie immer nicht bereit, hier Kompromisse einzugehen: „wir können nicht alles zugleich haben: die Wahrheit und die Beliebtheit“ (11.12.1908). Als Freud eine erste Einladung an die Clark University ablehnt, tut er das nicht nur aus Sorge um einen Einkommensverlust, sondern auch, weil er „die Sachlage in Amerika ungünstiger“ beurteilt als Brill. Es warne ihn alles, „die Schlacht auf diesem Boden nicht anzunehmen, um nicht den ganzen Feldzug zu verlieren“ (24.1.1909). „Ich meine, der große Widerstand wird erst losbrechen, u dann wollen wir sehen, wer wirklich zu uns hält u dann bei uns aushält“ (27.1.1910). Umso größer war dann seine Freude und Rührung, als er schließlich doch mit großem Erfolg seine fünf Vorlesungen dort hielt und, „beinahe mit Tränen in den Augen, dem Präsidenten der Universität für das Ehrendoktordiplom dankte“ (Ferenczi, 1985, S. 247). Ein besonderes Kapitel sind Freuds Bestrebungen, Horace Westlake Frink statt Brill als Führer der Gruppe zu installieren, nachdem er eine Zeitlang mit Brill unzufrieden gewesen war: „Als ich merkte, daß Sie Ihre eigenen Wege gehen und nicht genug für die Sache thun, habe ich den Versuch gemacht, Frink zu einem verläßlicheren Brill auszubilden“ (20.9.1927) – eine schwere Kränkung für und Affront gegen Brill. Frink versagte allerdings in dieser Rolle, und Brill gelang es, sein gutes Einvernehmen mit Freud wiederherzustellen (siehe unten).

2.    Ein wichtiger Aspekt der Entwicklung der Analyse in Amerika ist die Frage der sogenannten Laienanalyse, d.h. der Ausübung der Analyse durch Nicht-Ärzte, eine Frage, die sogar die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) zu zerreissen drohte und eine Abspaltung der Amerikaner als durchaus möglich erscheinen ließ. Die Diskussion darüber nimmt in diesem Briefwechsel einen besonderen Stellenwert ein. Es war dies einer der ganz wenigen Punkte, in denen Brill (contra) Freud (pro) offen widersprach.

Brill wandte sich besonders gegen nichtärztliche Analytikerinnen und meinte, er werde in einem Artikel „diese Methoden angreifen, welche neurotische, nicht-ärztliche Frauen ermuntern, Psychoanalyse zu praktizieren“ (7.4.1914). Freud widersprach: „Den Beschluß Ihrer Gruppe über die Laienanalyse halte ich im Gegensatz zu Ihnen … für eine bedauerliche Kurzsichtigkeit“ (11.6.1922); ‚Laien‘ seien all jene, die die Analyse ohne entsprechende analytische Ausbildung betrieben, seien sie nun Ärzte oder nicht (er sprach auch pro domo, war doch seine eigene Tochter im Begriff, sich ohne jegliche akademische Ausbildung als Analytikerin zu etablieren). „Ihre rein negative Einstellung zu alledem scheint mir die unpraktischeste Reaktion zu sein. Sie nehmen keinen Nichtarzt in die Vereinigung auf, verweigern jedem die Möglichkeit der Ausbildung … Was erreichen Sie damit? Daß alles so bleibt, wie es ist“ (F, 20.9.1927). Eine mögliche Abspaltung der New Yorker Gruppe von der IPV über diese Frage würde er gelassen hinnehmen: „genötigt uns mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen, müssen wir uns fragen, was wir denn verlieren würden. Die Antwort ist: Nichts“ (ibid.) …

3.    Fragen zur Psychoanalyse generell, als Theorie und Therapie, als psychoanalytische Bewegung und als geschäftliche Unternehmung. Besonders wichtig ist Freud dabei das Überleben des eigenen Verlages, dessen Untergang für ihn gleichbedeutend mit dem Ende der Bewegung gewesen wäre.

Brill wünscht sich zum Beispiel eine genauere Fassung des Begriffs des Unbewussten: „bitte helfen Sie mir mit jener Definition des Unbewussten“ (17.8.1908). Freud antwortet, dass er mit Ferenczi meine, „es wird wichtig sein, die Unterschiede dieses unseres Ubw von den sonst im Umlauf befinden Ubw anderer Faktur u Herkunft hervorzuheben“ (27.8.1908). Oder Brill bekennt, dass ihm die Ödipus-Theorie anfangs „höchst unwahrscheinlich“ vorgekommen sei, er aber einen kompletten Gesinnungswandel durchgemacht hätte (18.11.1908). Freud hofft, Brill werde „finden, daß der Complex nicht blos häufig sondern typisch ist” (11.12.1908). Es findet sich auch die interessante Anmerkung Freuds, er habe immer den „Grundsatz, daß sich die ΨA unabhängig von den Universitäten entwickeln muß, … ohne Schwanken vertreten. Es kann nicht anders sein” (15.3.1931). Zu den Gefahren, welche die Ausübung des psychoanalytischen Berufs mit sich bringe, meint er, „daß die Analyse ein gefährliches Metier ist, so deletär wie die Handhabung der Röntgenstrahlen … Wahrscheinlich thut es einem Menschen nicht gut, 6-8 Stunden [pro Tag] den unfehlbaren Herrgott zu agiren“ (F, 25.11.1934).“

Er berichtet auch immer wieder über die Schriften, an denen er gerade schreibt, zum Beispiel: „Die Abhandlg die ich schreibe: Allgem. Methodik der ΨA“ (8.11.1908). „Meine nächsten Arbeiten werden der Paranoia gelten“ (6.11.1910). „Ich bin von meinen Studien über Religionspsychologie außerordentlich in Anspruch genommen“ (F, 4.12.1911).

Eine interessante Anmerkung Freuds findet sich zur Frage, ob es zulässig sei, „eine lebende Person ungefragt vor dem Publikum zu analysiren dh. zu viviseziren oder widerstrebt es nicht vielmehr den Rechten der Persönlichkeit u sollten wir nicht dagegen als gegen einen Misbrauch der Analyse Einspruch erheben?“ (14.4.1912)

Freuds besonderes „Schmerzenskind“ (31.1.1932) war der Internationale Psychoanalytische Verlag, der ständig am Rande des Bankrotts dahinlavierte und nur durch Freuds Verzicht auf Tantiemen aus seinen eigenen Schriften und großzügige Spenden, auch von Brill, am Leben gehalten werden konnte. Dies war für ihn eine „Sache, die mir für die ΨA in Europa lebenswichtig scheint. … Die ganze psa Bewegung würde auseinanderfahren, wenn sie diesen Mittelpunkt verlöre“ (31.1.1932).

4.    Persönliche Nachrichten – über den eigenen Gesundheitszustand, Urlaubspläne, Ereignisse in der Familie (z.B. Geburt, Krankheit, Verheiratung von Angehörigen), Brills Karriere usw. Hierher gehört auch die Tatsache, dass Freud die Patenschaft für Brills Tochter Joy oder Gioia (ausgesprochen wie „Joya“), die nach ihm benannt worden war (Joy = Freud[e]), übernommen hatte und an ihrer Entwicklung und auch ihren Problemen regen Anteil nahm, z.B. als sie wegen Panikattacken und depressiver Verstimmungen in analytische Behandlung genommen wurde.

Freud thematisiert oft seine Gefühle für Brill. Immer wieder versichert er ihm, wie nahe dieser ihm stünde: „Sie haben mich noch nie enttäuscht, seitdem ich Sie kenne“ (29.7.1913). „[W]ir lieben Sie alle“ (22.1.1914). „Ihnen gebührt ja ein Platz unter meinen Intimsten“ (19.4.1914). Er spricht von der „eigenartigen Natur unserer Beziehung … Es ist etwas Unwandelbares in ihr, eine Intimität jener Art, wie man sie unter Blutsverwandten findet“ (25.4.1923). „Sie wissen, daß ich Sie immer gern gehabt habe“ (8.10.1929). „Sie sind doch der Einzige, auf den man immer bauen kann, von dem man nie im Stich gelassen wird“ (17.6.1932). Kurz: „Wir beide waren immer Freunde und bleiben es“ (25.2.1936).

Auf der anderen Seite erlaubt sich Freud, Brill immer wieder, und auch in harten Worten, zu kritisieren. Freud verträgt schlecht (wie auch bei anderen), dass Brill kein besonders guter Korrespondent ist, und moniert, dass dieser nicht immer die Reise nach Europa zu den psychoanalytischen Kongressen auf sich nimmt: „Ich hatte mich sehr gefreut, Sie zu sehen u die Verhältnisse auf dem Kongreß hätten Ihre Gegenwart besonders wünschenswert gemacht“ (29.7.1913). „Ich habe auf meinen letzten Brief an Sie keine Antwort bekommen. … Kann es sein, daß sie ‚abfallen‘? Oder was sonst ist es? Sagen Sie es aufrichtig“ (9.12.1919). „Es bleibt mir … nichts anderes übrig als die Tatsache anzunehmen, daß mit Ihnen nichts zu machen ist: ein Ausgang unserer Beziehungen, auf den ich eigentlich nicht gerechnet habe“ (21.1.1921). „Ich bin mit einigen Punkten bei Ihnen höchst unzufrieden … Ich bin verärgert“ (25.4.1923). „Es hätten sich überhaupt nicht soviel Mishelligkeiten zwischen uns anhäufen können, wenn Sie mehr Wert auf unseren persönlichen Kontakt gelegt, zB. nur regelmäßig unsere Kongresse besucht hätten“ (F, 11.3.1928).

Freuds negative, oder zumindest höchst ambivalente Einstellung zu Amerika ist bekannt (vgl. Falzeder, 2012), und auch Brill bekam sein Fett ab, weil er sich „viel zu sehr den zwei großen Lastern Amerikas“ unterworfen hätte: „der Geldgier und der Rücksicht auf die öffentliche Meinung“ (7.1.1923). Freud hätte erwartet, „daß Sie sich weitere Verdienste erwerben werden, anstatt sich zur Ruhe zu setzen, nachdem Sie ein reicher Mann geworden sind. Sie wissen, meine Unzufriedenheit begann, als ich hörte, wieviel Pat. Sie im Tag sehen und daß Sie Behandlungen von 35 Minuten geben, um soviel Pat. sehen zu können. … Sie haben … den analytischen Standpunkt gegen den amerikanischen aufgegeben“ (20.9.1927). Bei Rank (dem er übrigens wenig später denselben Vorwurf machen sollte) beklagt sich Freud über „Brills Niedergang unter dem amerikanischen Dollarzwang“ (4.8.1922; Freud & Rank, 2012, S. 160).

Diese Kritik ist jedoch nie beissend, unverzeihlich, oder sogar tödlich verletzend, wie in manchen anderen Fällen, und lässt Brill immer sozusagen die Türe offen, das alte herzliche Einvernehmen wiederherzustellen. Immer wieder beteuert Freud, dass er sich gerade wegen der gefühlten Nähe derartige Kritik herausnähme, wobei er manchmal einen geradezu paternalistischen Ton anschlägt: „Ich muß Sie wie ein unartiges geliebtes Kind behandeln. … Ich denke ich erwerbe mir das Recht dazu durch meine Liebe [affection] zu Ihnen“ (7.1.1923). (An seine Frau Rose schreibt er anlässlich eines Treffens mit Brill, ihr Mann sei „derselbe gute Junge, wie ich ihn vorher kannte“ [2.9.1921].) „Es ist richtig, daß ich Sie besonders streng beurteilt habe“ – eben weil „Sie mir besonders nahe gestanden sind und ich besonders viel von Ihnen erwartet hatte“ (20.9.1927). Trotz all seiner Ausstellungen sei er „nie wirklich böse, fühle nie eine Verminderung der zärtlichen Gefühle“ für Brill (25.4.1923). „Sie wissen, ich habe Sie immer gern gehabt und gleichzeitig an Ihnen herumgenörgelt, eine besondere Form der Gefühlsübertragung“ (8.10.1929).

Alles war wieder gut, wenn sie einander persönlich trafen oder auch nur wieder einmal ein versöhnlicher Brief von Brill eintraf: „Ihr Brief … hat mich tief berührt. … Als ich Sie fragte, ob Sie abgefallen wären, glaubte ich selbst nicht einen Augenblick daran“ (19.1.1920). „Ihr Brief hat mich … erfreut, … weil er wieder den Ton von Intimität anschlägt, der zwischen uns nie aufhören [hätte] sollen“ (11.3.1928). „Ihr Brief hat mir wolgethan … es war der alte, herzliche und offene Ton, und wieviel schöner wäre es geworden, wenn er zwischen uns nie ausgesetzt hätte“ (11.7.1928). „Ich habe mich über Ihren Brief ebenso gefreut wie über Ihren Besuch … Ich kann nur wiederholen: Warum sind Sie nicht früher gekommen? … Auch ich fühle, daß alles anders geworden ist, seit Sie hier waren“ (8.10.1929). „Ihre Briefe kommen selten, aber wenn sie da sind, versetzen sie mich sofort in die Atmosphäre persönlicher Intimität, in der wir seit einem Menschenalter zu einander stehen“ (25.11.1934).

5.    Eine ganz besondere Rolle, mehr als in anderen Korrespondenzen (vielleicht mit Ausnahme jener mit Abraham), spielt ihr gemeinsames Judentum, ein Band, welches, wie von Freud immer wieder hervorgehoben wird, sie ganz besonders miteinander verbinden würde. Am 20. September 1908 wünscht Brill Freud „ein glückliches Neues Jahr“ (nämlich mit Bezug auf das jüdische Neujahr am 26.9.1908). Freud spricht von Brills „gute[m] jüdischen Herzen“ (27.1.1910). Er sei „einer der besten echtesten Juden, die ich kennen gelernt habe“ (24.7.1910). Wohl auch vor diesem Hintergrund schreibt er ihm: „Wir verstehen einander doch immer“ (11.3.1913). „Von unserem ersten Treffen an habe ich vollstes Vertrauen in Sie gehabt, das bis auf den heutigen Tag nicht erschüttert ist, ein Vertrauen, wie es nur ein Jude in einen anderen Juden haben kann … Ihr einziger Fehler, wegen dessen ich mir oft die Freiheit herausgenommen habe, Sie zu rügen, ist Ihre übergroße Empfindlichkeit – auch dies eine Besonderheit unserer Rasse [sic]“ (19.1.1920; Herv. v. m.). Hierher gehört wohl auch die oben zitierte Bemerkung über eine gefühlte „Blutsverwandtschaft“ zwischen ihnen.

6.    Brills Übersetzungen von Freuds Schriften ins Englische. Ich habe schon mit Jones angedeutet, dass Freuds Überlassung des Monopols für Übersetzungen ins Englische an Brill zu großen Schwierigkeiten führte, zum einen, weil Freud selbst sich nicht immer an diese Abmachung hielt,[6] zum zweiten, weil Brills autodidaktisch erworbenes Englisch ‚less than perfect‘ war[7] und seine Arbeit breiten Raum für Kritik bot, und schließlich, weil dies zu einer ständigen Rivalitätssituation zwischen Brill und Ernest Jones führte, dem englische Übersetzungen ebenfalls ein großes (und wohl nicht nur altruistisches) Anliegen waren. Freuds Rolle in diesem Konflikt, den er zum Teil selbst herbeigeführt hatte, wird noch zu beleuchten sein. Doch abgesehen von der Diskussion dieser leidigen Frage finden sich auch mehrere hochinteressante Stellen, die zeigen, wie Freud aktiven Anteil an diesen Übersetzungen nimmt, wie er Vorschläge Brills diskutiert, eigene vorbringt, oder die Übersetzung der Traumdeutung Zeile für Zeile durchgeht und Korrekturen anbringt:

„[M]itunter stoße ich auf einen Ausdruck, den ich sehr schwer zu übersetzen finde“, schreibt Brill. „Ich finde kein angemessenes englisches Wort für ‘abreagieren’ und das entsprechende Substantiv. Ich dachte an ‘reacting off’ oder ‘off reaction’, aber das klingt ziemlich unbeholfen, und jetzt denke ich daran, ‘ventilation’ zu verwenden, abgeleitet vom Ausdruck ‘to give vent to ones feelings’ – aber ich bin gar nicht zufrieden damit. Könnten Sie vielleicht einen Ausdruck vorschlagen?“ (18.11.1908). Worauf Freud erwidert: „Off reaction scheint mir die beste Übersetzg von abreagiren, welches Wort ja doch in der Klammer beigefügt werden müßte. Ventilation schiene mir zu entlegen von der Vorstellg des Originals“ (11.12.1908). Etwas später: „‘Abreaction‘ scheint mir auch gut zu sein“ (7.7.1909).[8] Schwierigkeiten bereitete auch der (übrigens von Freud selbst geprägte) Terminus Zwangsneurose[9]: „Können Sie das deutsche Wort beibehalten u in Klammern hinzufügen: (Obsessions, doubts, impulses)? Wenn nicht, so muß wol das erste Wort Obsessions herhalten. Dem deutschen Wort entspräche sonst am ehesten: constraint“ (Freud, 25.5.1909). „Über Zwneurose habe ich mir lange den Kopf zerbrochen, ohne zu etwas Besserem, als Sie vorschlagen, zu kommen. Ich meinte obsession neurosis gienge gut, wenn in Klammer dabei stünde [[10]obsessions, phobies, doubts, impulses]. Sagt man ja auch im Deutschen Zwvorstellen u schließt alle anderen Zwvorgänge dabei ein. Indeß kann ich gegen Ihre compulsive neurosis mit den Zusätzen nichts einwenden u muß die Entscheidg Ihnen überlassen. Ihr Terminus scheint mir sogar der bessere“ (Freud, 3.6.1909).

Als ihm Brill seine Übersetzung der Traumdeutung schickt, geht sie Freud „Seite für Seite“ durch, „um Ihnen Korrekturen für eine zweite Auflage vorzuschlagen. Ich habe gerade die ersten 100 Seiten durchgemacht“ (29.7.1913), und ist dann sehr enttäuscht, als Brill nicht zum nächsten Kongress kommt, wo er dies mit ihm hätte besprechen wollen: „Ich hatte in der Trdeutung mehrere (natürlich nur intime) Misverständnisse des Textes gefunden und mich vorbereitet, Ssie Ihnen in München, wohin Sie nicht kamen, zu zeigen“ (16.11.1914).

Da Brill öfter dafür kritisiert wurde, dass er Beispiele Freuds – z.B. Fehlleistungen –, die er für unübersetzbar hielt, durch eigene ersetzte, ist es interessant zu sehen, dass er dies mit ausdrücklicher Zustimmung Freuds tat: „Ihre Idee mit der Psychop. d. Alltags heiße ich vortrefflich. Wahrscheinlich wird es mit dem Witz auch nicht anders gehen“ (2.6.1913).

7.    Großen Raum nehmen auch Diskussionen dritter Personen ein, vor allem jener, die für die wichtigsten ‚Abfallbewegungen‘ stehen. An erster Stelle ist hier C. G. Jung zu nennen (bei dem Brill ja hospitiert und von dem er einige Schriften übersetzt hatte), dann Adler und Stekel in Wien und den Schwierigkeiten zwischen ihnen und Freud, von denen letzterer immer wieder berichtet, und schließlich Otto Rank, wo Brill zum primären Informanten Freuds über Ranks Aktivitäten in Amerika, wohin er übersiedelt war, wird. Relativ viel tauschen sie sich auch über Sándor Ferenczi aus, der ja mit Freud und Jung 1909 die Amerikareise mitgemacht hatte und mit ihnen Brills Gast in New York gewesen war, der selber von September 1926 bis Juni 1927 in New York war, was zu großen Spannungen mit der dortigen Gruppe inklusive Brill führte (vor allem wegen der Frage der Laienanalyse), und der schließlich ‚abweichende‘ Meinungen entwickelte, ohne dass es jedoch je zu einem offenen Bruch kam. Sie diskutieren aber auch z.B. über Paul Federn und Theodor Reik und deren schwierige Position im Exil nach 1938.

Was Jung betrifft, so findet sich zum Beispiel in Freuds Brief vom 19.10.1912 eine bitterböse Abrechnung: „Die beiden Züge, die seinen Charakter enthalten, das ungebändigte Stück männlicher Brutalität u die Portion femininer Unverläßlichkeit u Coquetterie haben sich gegen mich gekehrt … Gleichzeitig sind seine schlecht unterdrückten antisemitischen Gefüle wieder zum Vorschein gekommen. Er ist in Wahrheit ein starker Neurotiker … die Schwierigkeit Juden u Christen unter einen Hut zu bringen, hat sich wieder einmal eklatant gezeigt“. „Ich mag ihn nicht mehr, daran wird sich nichts ändern“ (Freud, 11.3.1913). Und, wieder mit Verweis auf Antisemitismus: „Ein innerlicher Kontakt ist mit ihm u seinen Antisemiten unmöglich geworden“ (2.6.1913). Brill beeilt sich, Freud zu zeigen, dass er Jung schon immer kritisch beurteilt hätte: „Seit ich ihn kenne, habe ich nie seine wahre Persönlichkeit verkannt, und habe Ihnen, wenn Sie sich erinnern, schon vor Jahren gesagt, was ich von ihm halte“ (12.12.1913). Trotzdem hätte er sich „nie vorstellen können, wie abgefeimt dieser Mensch ist. Ich glaube, es gibt keinen gemeineren Menschen in diesem Universum“ (7.4.1914)!

Freud beklagt sich über die „Vorgänge in Wien, wo es mir nicht gelingt, ein persönliches Einvernehmen speziell mit Stekel u Adler herzustellen. Ich bin sehr beschämt darüber, denn wie soll das Publikum glauben, daß die ΨA einen Menschen zu ändern vermag, wenn unter uns dieselben Persönlichkeiten vorfallen wie in jedem Verein u jeder Sekte?“ (20.3.1911) „Stekel benimmt sich wie ein Schwein, B jetzt, wo er den Halt verloren hat, werden wir erst erfahren, wessen er fähig ist“ (6.1.1913). „Im Verein geht es jetzt recht gut. Seitdem die beiden Ekel mit ihren Anhängern ausgeschieden sind, ist das Einvernehmen sehr schön“ (9.4.1913).

Über die Berichte, die ihm Brill über Ranks Aktivitäten in New York nach dem Bruch mit Freud schickt: „Es ist der Dollar, der ihn verlockt.[11] Aber es kommen noch andere Motive dazu. Wahrscheinlich die Erschütterung durch meine schwere Erkrankung und die daraus folgende Angst, wenn ich verschwinde, seine Existenz zu verlieren. Ferner die Verlockung, in der Analyse Entdeckungen zu machen, welcher alle unanalysierten Anfänger unterliegen. … Und drittens die zersetzende Wirkung der Analyse selbst, welche doch sicherlich alle Sublimierungen abträgt, wenn dieser Gefahr nicht entgegengearbeitet wird. … Er benimmt sich in der Tat wie jemand, der eine Patentmedizin erfunden hat, deren Zusammensetzung er geheim hält. … Sie sind der erste, der einen aufrichtigen Brief darüber von mir erhält” (17.11.1924).

Als es zu Spannungen zwischen Brill und Ferenczi anlässlich dessen New York-Aufenthalts kommt: „Auch Ferenczi ist nicht auf meinen Rat nach Amerika gegangen. Ich war eher dagegen. Aber Ihr unfreundliches Benehmen gegen ihn ist mir nicht verständlich geworden. Haben Sie ihm wirklich die nach amerik. Maßstab unbeträchtliche Summe nicht gegönnt, die er sich unter schwerer Arbeit erworben, während er soviel durch Reden u Vorträge für die Analyse leistete?“ (Freud, 20.9.1927)

Als sich Paul Federn 1914 in New York aufhält und dort Analysen macht (unter anderem mit Oberndorf und Jelliffe; Hale, 1971, S. 322), berichtet Brill: „Federn amüsiert sich großartig und benimmt sich wie ein Schulbub auf Ferien. Sowie er ankam, hatte er nur einen Gedanken. Er wollte eine Gelegenheit haben, Vorträge zu halten … bei Sitzungen gibt er ständig Antworten auf Fragen, die ihm nie gestellt wurden. Zuerst glaubte ich, das sei wegen seiner Schwierigkeiten, die Sprache zu verstehen, aber ich bin mir jetzt sicher, dass er es absichtlich macht“ (9.6.1914). Freud antwortet mit charakteristischer Offenheit: „Federn ist ein ‚Schmock‘ wenn Sie die Bedeutung des Wortes kennen, eine Art fool. Es ist keine Klarheit u kein entschiedenes Urteil von ihm zu erwarten. Ich zweifle nicht, daß er sich im Ganzen ein bischen lächerlich gemacht hat. Sonst guter vornehmer Mensch mit einzelnen Ideen und Einfällen“ (21.6.1914).

Ich erwähne noch, dass es auch immer wieder zum Austausch über politische Ereignisse und deren Auswirkungen kam, vor allem über den Ersten Weltkrieg, und dann über den Austrofaschismus und die Machtergreifung der Nazis, den erzwungenen Exodus fast aller PsychoanalytikerInnen aus Österreich und Deutschland, über Freuds Situation im Exil und London, seine Bestrebungen, anderen zu helfen, sowie die Stimmung unter den ansässigen Analytikern in New York und ihre zwiespältige, auch teils ablehnende Haltung den Emigranten gegenüber.

Und schließlich gibt es noch eine Menge ‚Varia‘, Themen, die nur am Rande gestreift werden, Aperçus, anlassbezogene Dinge, Bemerkungen zu Amerika im allgemeinen, Brills Erwähnung einer erfolgreichen ‚Behandlung‘ von Homosexuellen und vieles andere mehr.

Eine solche Übersicht kann natürlich nur Kostproben geben, kann und soll auch nicht die Lektüre der Briefe selbst ersetzen, sondern im Gegenteil dazu anregen und darauf Lust machen. Wenn dies gelungen sein sollte, dann hat dieser kurze Text seinen Zweck erfüllt.

 

Literatur

Falzeder, Ernst (2004). Sigmund Freud und Eugen Bleuler. Die Geschichte einer ambivalenten Beziehung. Luzifer-Amor, Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, 34: 85-104.

Falzeder, Ernst (2007). Is there still an unknown Freud? A note on the publications of Freud’s texts and on unpublished documents. Psychoanalysis and History, 9: 201-232.

Falzeder, Ernst (2012). „A fat wad of dirty pieces of papers”: Freud on America, Freud in America, Freud and America. In: Burnham, John (Hg.), After Freud Left. A Century of Psychoanalysis in America. Chicago, IL: The University of Chicago Press, S. 85-109.

Fass, Paula S. (1968). A. A. Brill, Pioneer and Prophet. Masters thesis, Columbia University, New York.

Ferenczi, Sándor (1985[1932]). Ohne Sympathie keine Heilung. Das klinische Tagebuch von 1932. Hg. Judith Dupont. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1988.

Freud, Sigmund & Max Eitingon (2004). Briefwechsel 1906-1939. Zwei Bände. Hg. Michael Schröter. Tübingen: edition diskord.

Freud, Sigmund & Sándor Ferenczi (1993). Briefwechsel. Band I/1, 1908-1911. Hg. Eva Brabant, Ernst Falzeder und Patrizia Giampieri-Deutsch. Wien: Böhlau.

Freud, Sigmund & Otto Rank (2012). Sigmund Freud und Otto Rank. Ihre Beziehung im Spiegel des Briefwechsels 1906-1925. Hg. E. James Lieberman und Robert Kramer. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2014.

Gifford, Sanford (1978). Psychoanalysis in Boston: Innocence and experience. Introduction to the panel discussion, 14 April 1973. In: Gifford, George E., Jr. (Ed.), Psychoanalysis, Psychotherapy and the New England Medical Scene, 1894-1944. New York: Science History Publications, S. 325-345.

Hale, Nathan G., Jr. (1971). Freud and the Americans. The Beginnings of Psychoanalysis in the United States, 1876-1917. New York, NY: Oxford Uniersity Press, 1995.

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Leys, Ruth (1985). Meyer, Jung, and the limits of association. Bulletin of the History of Medicine, 59: 345-360.

Leys, Ruth (1991). Types of one: Adolf Meyer’s life chart and the representation of individuality. Representations, 34: 1-28.

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Roudinesco, Elisabeth & Michel Plon (2006). Dictionnaire de la psychanalyse. Paris: Fayard, troisième édition.

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Schröter, Michael (2006). Die Frage der Laienanalyse (1926). In: Lohmann, Hans-Martin & Joachim Pfeiffer (Hg.), Freud-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler, S. 103-105.

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Appendix

Brills autobiographische Schriften[12]

Brill, Abraham A. (1908). Psychological factors in dementia praecox. Journal of Abnormal Psychology, 3: 219-239.

Brill, Abraham A. (1918). Adjustment of the Jew to the American environment. Mental Hygiene, 2: 219–231.

Brill, Abraham A. (1915a). Masturbation: its causes and sequelae. Woman’s Medical Journal, 25: 97-100. American Journal of Urology, 1916, 12: 214-222.

Brill, Abraham A. (1915b). Psychoanalysis: its scope and limitations. International Clinics, 2: 132-145. Brill, Abraham A. (1921). Fundamental Conceptions of Psychoanalysis. New York, NY:  Harcourt Brace.

Brill, Abraham A. (1931). Professor Freud and psychiatry. Address delivered at a dinner in honor of Prof. Freud’s 75th birthday. Psychoanalytic Review, 18: 241-246.

Brill, Abraham A. (1935). Remarks introductory to the symposium on the relation of psychoanalysis to psychiatry. American Journal of Psychiatry, 91: 1089-1092.

Brill, Abraham A. (1939). The introduction and development of Freud’s work in the United States. American Journal of Sociology, 45: 512-517.

Brill, Abraham A. (1940). Reminiscences of Freud. Psychoanalytic Quarterly, 9: 177-183.

Brill, Abraham A. (1942). A psychoanalyst scans his past. Presidential address given at combined meetings of the New York Neurological Society and Section of Neurology and Psychiatry at the New York Academy of Medicine, 7 October 1941. Journal of Nervous and Mental Diseases, 95: 537-549.

Brill, Abraham A. (1944). Freud’s Contribution to Psychiatry. New York, NY: W. W. Norton.

Brill, Abraham A. (1947a). Thoughts on life and death, or Vidonian All Souls’ eve. Psychiatric Quarterly, 21: 199-211.

Brill, Abraham A. (1947b). Psychotherapies I have encountered. Psychiatric Quarterly, 21: 579-591.


[1] Zitate aus nicht-deutschsprachiger Literatur, wie auch von Briefen, die von Freud und Brill auf englisch geschrieben wurden, wurden von mir ins Deutsche übersetzt.

[2] Zu Meyer vgl. auch Leys, 1981, 1984, 1985, 1991; Leys & Evans, 1990; Peters, 1990; Usak-Sahin, 2012.

[3] Die Zustimmung Freuds bei dieser Gelegenheit scheint allerdings nur eine sehr informelle gewesen zu sein (oder gehört überhaupt in das Reich der Legendenbildung), denn noch nach seiner Rückkehr nach New York schreibt Brill: „Ich werde nun damit fortfahren, Ihre Werke zu übersetzen und darf Sie ersuchen, mich bitte als Ihren einzigen Übersetzer ins Englische zu betrachten“ (18.7.1908).

[4] Neben der bisher zitierten Literatur siehe z.B. auch Fass, 1968.

[5] Das Konvolut stammt offenbar aus dem Nachlass Brills, der anscheinend nicht alle seine Briefe in Abschrift oder Durchschlag behalten hat. Die Zählung der Freud-Briefe ist nicht ganz sicher. Ein Brief könnte tatsächlich an einen anderen Adressaten gerichtet sein, und bei ein paar Karten, die von mehreren Personen unterschrieben wurden, ist es Ansichtssache, ob man sie als „Freud-Briefe“ zählt oder nicht.

[6] Zum Beispiel, weil er zu wenig berücksichtigte, dass ein Übersetzungsrecht für Amerika nicht automatisch für England galt und vice versa. Auch war es für Freud wichtig, möglichst rasch Übersetzungen zu bekommen, und er war versucht, sie jenen zu geben, die die rascheste Fertigstellung versprachen.

[7] Er verlor zum Beispiel nie den (Unterklasse-)Akzent der Lower East Side in New York (Hale, 1971, S. 202), wo er die ersten Jahre verbrachte.

[8] Dies war dann auch tatsächlich die Übersetzung, die von Strachey et al. für die englische Gesamtausgabe (Standard Edition) verwendet wurde.

[9] Siehe May, 1998.

[10] Eckige Klammern im Original.

[11] Derselbe Vorwurf, den Freud Brill selbst gemacht hatte …

[12] Erstellt aufgrund einer von Liselotte Bendix Stern 1989 zusammengestellten Liste (A. A. Brill Library; New York Psychoanalytic Institute), dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt von Patricia Everett. – Kurz vor seinem Tod wurde Brill von einem Verleger angefragt, ob er nicht seine Autobiographie schreiben möchte. Brill lehnte mit der Begründung ab, dass viele seiner Patienten noch am Leben seien.

 

Copyrigth: Ernst Falzeder, 2014