Zeitgemässes über Krieg und Tod
von
Sigm. Freud

I Die Enttäuschung des Krieges

Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, ohne Distanz
von den großen Veränderungen, die sich bereits
vollzogen haben, oder zu vollziehen beginnen, einseitig
unterrichtet und ohne Witterung der sich gestaltenden
Zukunft, werden wir selbst irre an der Bedeutung
der Eindrücke, die sich uns aufdrängen, und an dem
Wert der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen,
als hätte noch niemals ein Ereignis so viel wert
kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele
der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich
das Hohe erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre
leidenschaftslose Unparteilichkeit verloren; ihre
aufs tiefste erbitterten Diener  […] suchen ihr […] Waffen
zu entnehmen, um einen Beitrag zur Bekämpfung
des Feindes zu leisten. Der Anthropologe muß den
Gegner für minderwertig und degeneriert erklären,
der Psychiater die Diagnose seiner Geistes- oder
Seelenstörung verkünden. Aber vielleicht wahrscheinlich empfinden
wir das Böse dieser Zeit unmäßig stark und haben
kein Recht, es mit dem Bösen anderer Zeiten
zu vergleichen, die wir nicht erlebt haben.
Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit ein Partikelchen der
riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist,
fühlt sich in seiner Orientierung verwirrt und
in seiner Leistungsfähigkeit gehemmt. Ich meine,
ihm wird jeder kleine Wink willkommen sein,
der es ihm erleichtert, sich wenigstens in seinem
eigenen Inneren zurechtzufinden. Unter den
Momenten, welche das seelische Elend der Daheim-
gebliebenen verschuldet haben, und deren Bewält-
igung ihnen so schwierige Aufgaben stellt, möchte
ich zwei hervorheben und an dieser Stelle be-
handeln: Die Enttäuschung, die dieser Krieg
hervorgerufen hat, und die veränderte Einstellung
zum Tode, zu der er uns — wie alle anderen
Kriege — nötigt.

Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort,
was damit gemeint ist. Man […] braucht kein Mitleids-
schwärmer zu sein, man kann die biologische und psychologische
Notwendigkeit des Leidens für die Oekonomie

Handschrift
Zeitgemässes über Krieg und Tod
Faksimile