Gutachten über die elektrische Behandlung der Kriegsneurotiker von Prof. Dr. Sigm. Freud

  1. Gutachten über die elektrische
    Behandlung der Kriegsneurotike
    r
    von
    Prof. Dr. Sigm. Freud

    _____________________________________________

    Es hat schon in Friedenszeiten reichlich Kranke gegeben,
    die nach Traumen d.h. schreckhaften u gefährlichen
    Erlebnißen wie Eisenhahnunfälle, u.d.gl schwere
    Störungen des Seelenlebens u der Nerventhätigkeit
    gezeigt haben, ohne daß die Ärzte in der Beur-
    teilung dieser Zustände einig geworden wären.
    Die einen haben angenom̄en, daß es sich bei diesen
    Kranken um schwere Verletzungen des Nerven-
    systems handle, ähnlich den Blutungen und
    Entzündungen in nicht traumatischen Krankheits-
    fällen, und als die anatomische Untersuchung solche
    Vorgänge nicht nachweisen konnte, haben sie
    doch den Glauben, an feinere gewebliche
    Veränderungen, als Ursache der beobachteten
    Symptome festgehalten. Sie haben also diese
    Unfallskranken zu den organisch Kranken
    gerechnet.

    Andere Ärzte haben von Anfang an behauptet,
    daß man diese Zustände nur als funktionelle
    Störungen bei anatomischer Intaktheit des
    Nervensystems auffassen könne. Wieso so
    schwere Störungen der Funktion ohne grobe
    Verletzung des Organs zu Stande kom̄en
    können, bereitete dem ärztlichen Verständ-
    nis lange Zeit Schwierigkeiten.


    Der eben beendete Krieg hat nun eine ungeheuer
    große Anzal solcher Unfallskranken ge-
    schaffen,   und zur Beobachtung gebracht, dabei   
    ist die Entscheidung der Streitfrage zu Gunsten
    der funktionellen Auffassung gefallen.


    Die weitaus überwiegende Mehrzal der Ärzte
    glaubt nicht mehr daran, und daß die sog. Kriegs-
    neurotiker infolge von greifbaren, organischen
    Verletzungen des Nervensystems krank
    sind, und die Einsichtigeren unter ihnen
    haben sich auch bereits entschloßen, anstatt
    der unbestimten Bezeichnung ‚funktionelle’
    Veränderung die unzweideutige Angabe:
    „seelische" Veränderung einzusetzen. 

  2. Obwol die Äußerungen der Kriegsneurosen
    zum großen Teil Bewegungsstörungen – Zittern
    und Lähmungen – waren, und obwol es nahe
    genug lag, so groben Einwirkungen wie
    dieer Erschütterung durch eine in der Nähe
    platzende Granate oder eine Erdverschüttung
    auch grobmechanische Effekte zuzuschreiben, so
    ergaben sich doch Beobachtungen, welche
    an der psychischen Natur der Verur-
    sachung die der sog. Kriegsneurosen keinen
    Zweifel ließen. Was konnte man dagegen
    sagen, wenn die nämlichen Krankheitszu-
    stände auch hinter der Front, fern von
    diesen Schrecknißen des Krieges oder un-
    mittelbar nach dem Einrücken vom
    Urlaub auftraten? Die Ärzte wurden
    also darauf hingewiesen, die Kriegs-
    neurotiker ähnlich aufzufassen wie die
    Nervösen des Friedensstandes.

    Die von mir ins Leben gerufene sog. psychoanal-
    lytische Schule der Psychiatrie hatte seit 25
    Jahren gelehrt, daß die Friedensneurosen
    auf Störungen des Affektlebens zurückzu-
    führen seien. Dieselbe Erklärung wurde nun
    ganz allgemein auf die Kriegsneurotiker
    angewendet. Wir hatten ferner angegeben,
    daß die Nervösen an seelischen Konflikten
    leiden, und daß die Wünsche und Tendenzen,
    welche sich in den Krankheitserscheinungen
    ausdrücken, den Kranken selbst unbe-
    kannt, also unbewußt sind. Es ergab
    sich also leicht als die nächste Ursache aller
    Kriegsneurosen die dem Soldaten unbe-
    wußte Tendenz, sich den gefahrvollen
    oder das Gefühl empörenden Anforder-
    ungen des Kriegsdienstes zu entziehen.
    Angst um das eigene Leben, Sträuben gegen
    den Auftrag andere zu tödten, Auflehnung  
    gegen die rücksichtlose Unterdrückung
    der eigenen Persönlichkeit durch die Vor-
    gesetzten, waren die wichtigsten Affekt-
    quellen, aus denen die kriegsflüchtige
    Tendenz gespeist wurde. 

  3. Ein Soldat, in dem diese affektiven Motive
    mächtig und klar bewußt gewesen wären,
    hätte als Gesunder desertieren oder sich
    krank stellen müssen. Die Kriegsneurotiker
    waren aber nur zum kleinsten Teil
    Simulanten; die Affektregungen, die sich in
    ihnen gegen den Kriegsdienst sträubten
    und sie in die Krankheit trieben, wirkten
    in ihnen, ohne ihnen bewußt zu werden.
    Sie blieben unbewußt, weil andere Motive,
    Ehrgeiz, Selbstachtung, Vaterlandsliebe, Gewöhnung
    an Gehorsam, das Beispiel der Anderen
    zunächst die Stärkeren waren, bis sie
    bei einem passenden Anlaß von den
    anderen, unbewußt wirksamen Motiven
    überwältigt wurden.

    An diese Einsicht in die Verursachung der
    Kriegsneurosen schloß sich eine Therapie an,
    die gut begründet schien und anfänglich
    sich auch als sehr wirksam erwies. Es schien 
    zweckmäßig, den Neurotiker als Simulanten
    zu behandeln u sich über den psychologischen
    Unterschied zwischen bewußter und un-
    bewußter Absicht hinauszusetzen, obwol
    man wußte, daß er kein Simulant sei. Diente
    seine Krankheit der Absicht, sich einer
    unleidlichen Situation zu entziehen, so grub
    man ihr offenbar die Wurzeln ab, wenn
    man ihm das Kranksein noch unleidlicher
    als den Dienst machte. War er aus dem Krieg in die Krank-
    heit geflüchtet, so wendete man Mittel
    an, die ihn zwangen aus der Krankheit
    in die Gesundheit, also in die Kriegsdienst-
    tauglichkeit zurückzufliehen. Zu diesem
    Zwecke bediente man sich schmerzhafter
    elektrischer Behandlung und zwar mit
    Erfolg. Es ist eine nachträgliche Beschönigung,
    wenn Ärzte behaupten, die Stärke dieser
    elektrischen Ströme sei die nämliche
    gewesen, die von jeher bei funktionellen
    Störungen zur Verwendung kam. Dies
    hätte nur in den leichtesten Fällen wirken
    können, entsprach ja auch nicht dem zu
    Grunde liegenden Raisonnement, daß 

  4. das Kranksein dem Kriegsneurotiker verleidet
    werden müße solle, so daß seine Motive zu
    Gunsten der Genesung umkippen müßten.
    Diese in der deutschen Armee entstandene,
    in therapeutischer Absicht schmerzhafte Behandlung
    konnte gewiß auch in maßvoller Weise
    geübt werden. Wenn sie in den Wiener
    Kliniken angewendet wourden ist, ,so bin
    ich persönlich überzeugt, daß sie niemals
    durch die Initiative von Prof. Wagner-Jauregg
    ins Grausame gesteigert worden ist. Für
    andere Ärzte, die ich nicht kenne, will ich
    auch nicht auseinstehen. Die psychologische
    Schulung der Ärzte ist ganz allgemein
    recht mangelhaft, und mancher mag daran
    vergessen haben, daß der Kranke, den er
    als Simulanten behandeln will, doch keiner
    ist.

    Dies therapeutische Verfahren war aber von
    vornherein mit einem Makel behaftet. Es
    zielte nicht auf die Herstellung des Kranken
    oder auf diese nicht in erster Linie,
    sondern vor allem auf die Herstellung
    seiner Kriegstüchtigkeit. Die Medizin
    stand eben diesmal im Dienste von Absichten,
    die ihr wesensfremd sind. Der Arzt war
    selbst ein Kriegsbeamter u hatte persönliche
    Gefahren, Zurücksetzung und den Vorwurf
    der Vernachlässigung des Dienstes zu fürchten,
    wenn er sich durch andere Rücksichten
    als die ihm vorgeschriebenen leiten
    ließ. Der unlösbare Konflikt zwischen
    den Anforderungen der Humanität,
    die sonst für den Arzt maßgebend sind,
    und denen des Volkskrieges mußte
    auch die Tätigkeit des Arztes verwirren.

    Die anfangs glänzenden Erfolge der
    Starkstrombehandlung erwiesen sich dann
    auch nicht als dauerhaft. Der Kranke, der
    durch sie hergestellt an die Front zurückge-
    schickt worden war, konnte das Spiel
    von Neuem wiederholen, und rückfällig
    werden, wobei er zum Mindesten Zeit
    gewann u doch jener Gefahr auswich, die

  5. gerade aktuell war. Stand er wieder im Feuer, so
    trat die Angst vor dem Starkstrom zurück,
    wie während der Behandlung die Angst vor
    dem Kriegsdienst verblichen war. Auch machte
    sich die im Laufe der Kriegsjahre rasch zu-
    nehmende Ermüdung der Volksseele und
    ihre sich steigernde Abneigung gegen das
    Kriegführen immer mehr geltend, so daß
    die Erfolge der besprochenen Behandlung
    zu versagen begannen. In dieser Konstellation
    gab ein Teil der Militärärzte der für die
    Deutschen charakteristischen Neigung zur rück-
    sichtslosen Durchsetzung ihrer Absichten nach,
    was niemals hätte geschehen dürfen, die
    Stärke der Ströme war sowie die Härte
    der sonstigen Behandlung wurden bis zur
    Unerträglichkeit gesteigert, um den Kriegs-
    neurotikern den Gewinn, den sie aus ihrem
    Kranksein zogen, zu entziehen. Es ist unwider-
    sprochen geblieben, daß es damals zu Todes-
    fällen während der Behandlung und zu
    Selbstmorden in Folge derselben in deutschen
    Spitälern kam. Ich weiß aber absolut nicht
    anzugeben, ob die Wiener Kliniken auch
    diese Phase der Therapie mitgemacht haben.

    Für das endliche Scheitern der elektrischen
    Therapie der Kriegsneurosen kann ich einen
    zwingenden Beweis anführen. Im Jahre
    1918 veröffentlichte Dr Ernst Simmel, Leiter
    eines Lazaretts für Kriegsneurotiker (in Posen)
    eine Brochüre, in welcher er seine außer-
    ordentlich günstigen Erfolge bei schweren
    Fällen von Kriegsneurosen durch die von
    mir angegebene psychotherapeutische Methode
    mitteilte. Dank dieser Veröffentlichung war
    wurde der nächste psychoanalytische Kongreß in Bpest,
    September 1818 von offiziellen Delegierten
    der deutschen, oesterreichischen und ungarischen
    Armeeverwaltung besucht, welche dort die Zusage
    machten, daß Stationen zur rein psychischen Behand-
    lung der Kriegsneurotiker eingerichtet
    werden sollen. Dies geschah, obwol den Delegierten
    kein Zweifel daran bleiben konnte, 

  6. daß bei dieser schonenden, mühsamen und langwierigen
    Behandlung auf eine möglichst beschleunigte
    Herstellung der Dienstfähigkeit dieser
    Kranken nicht zu rechnen sei. Die Vorbe-
    reitungen für die Einrichtung solcher
    Stationen waren eben im Gange, als der
    Umsturz hereinbrach, dem Krieg und dem
    Einfluß der bis dahin allmächtigen Ämter
    ein Ende setzte. Mit dem Krieg ver-
    schwanden aber auch die Kriegsneurotiker,
    ein letzter, aber schwer wiegender
    Beweis für die psychische Herkunft Verursachung
    ihrer Krankheiten.

    Wien, 23.2.20.

Datum der Niederschrift
1920
Umfang/Seiten
6
Sprache
Archiv, Bibliothek
Faksimile ausblenden
0
DT
0
T
0
OCR
0
F
0
Weiterführende Informationen

Die diplomatischen Umschriften der vorgestellten Texte bedürfen noch weiterer Korrekturen, erst dann kann mit der Annotation begonnen werden.
Beiträge und Korrekturen Ihrerseits sind sehr willkommen!