DIGITALE EDITION

EINLEITUNG

Eine Gesamtausgabe aller Schriften Sigmund Freuds, die sein Frühwerk, das Briefœuvre und alle hinterlassenen Handschriften umfasst und die wissenschaftlichen Kriterien einer historisch–textkritischen Edition erfüllt, ist seit langem ein Desiderat der Forschung. Die hier vorgestellte digitale Edition ist diesem Ziel verpflichtet und macht es sich zur Aufgabe, schrittweise Bausteine für das Gesamtvorhaben zu erarbeiten. Ein modularer Aufbau erlaubt es, von Beginn an fortlaufend Teilergebnisse der Texterschließung zu veröffentlichen.
Bis heute gibt es weder im originalen Deutsch noch in irgendeiner anderen Sprache eine Gesamtausgabe aller publizierten Schriften Freuds, die auch alle Handschriften und das Briefwerk umfasst oder gar historisch-textkritschen Kriterien genügt. Mit einer derartigen Ausgabe soll eine Lücke in der psychoanalytischen und in der sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung geschlossen werden, hat doch Freud wie kaum ein anderer das Denken der westlichen Kultur im 20. Jahrhundert beeinflusst. Der Goethe-Preisträger von 1930 ist nicht nur der Begründer der Psychoanalyse sondern zählt auch zu den großen Schriftstellern deutscher Sprache, sodass eine derartige Ausgabe zugleich ein bedeutendes Werk deutschsprachiger Prosa weiter einschließt.
Über 70 Jahre nach Freuds Tod öffnet sich dafür ein besonderes Zeitfenster: Einerseits ist ab 1.1.2010 das Copyright für seine Schriften erloschen, andererseits ist eine Generation von ForscherInnen – gerade noch – aktiv, kann ihr Wissen weitergeben und mithelfen, dieses Werk zu bearbeiten.
Die digitale Edition orientiert sich bei der Herausgabe der Briefen und Handschriften streng am Original und beim Druckwerk an den überlieferten Textvorstufen und allen zu Lebzeiten Freuds erschienenen Ausgaben bis zu den Ausgaben letzter Hand. Mit den Faksimileausgaben der hinterlassenen Autographen und der historischen Druckwerke steht eine verlässliche und überprüfbare Quelle für die Texte aus Sigmund Freuds Hand zur Verfügung. Mit Hilfe des digitalen Instrumentariums können Formen der Texterstellung und des Erschließungsapparates entwickelt werden, die für die Forschung zusätzliche Möglichkeiten eröffnen.
Mit ihren laufend vorgestellten Teilergebnissen will diese Edition einen frischen Blick auf Freuds Schriften werfen und zur Relektüre einladen.
Das Werk von Sigmund Freud in seiner Gesamtheit auf dem Stand der Wissenschaft in einer Ausgabe zu vereinen und mit Sorgfalt herauszugeben ist auch ein Akt des Respekts und der Verpflichtung einem Forscher und Schriftsteller gegenüber, der am Ende seines Lebens aus dem Land seines Wirkens vertrieben wurde und dessen Bücher verbrannt wurden.

UMFANG

Die Gesamtausgabe soll alle erhaltenen, bislang publizierten und nicht publizierten Schriftstücke aus Freuds Hand und die Miszellen (Interviews, Berichte, Protokolle, Tonspuren) umfassen. Sie ist dem Ziel verpflichtet, Freuds Werk in einer einzigen, nach durchgängigen historisch-textkritischen und editorischen Prinzipien erstellten Quellenedition zugänglich machen.
Die Texte werden nach Möglichkewit als Faksimile und in diplomatischer Umschrift präsentiert.
Die Schriften Freuds sind im Rahmen dieser Edition in Werkgruppen gegliedert, die alle auf einer gemeinsamen Forschungs- und Publikationsdatenbank aufgenommen, ediert, mit einen Register- und Anmerkungsapparat versehen und über Textvergeliche und Querverweise verbunden werden sollen.

I: Das Briefœuvre

Das Briefwerk umfasst alle erhaltenen Briefe, Postkarten, Ansichtskarten, Telegramme, Briefumschläge und Beilagen. Freuds Korrespondenz übertrifft in ihrem Umfang deutlich den seiner wissenschaftlichen Arbeiten: Seriöse Schätzungen aufgrund der erhaltenen Briefe, aber auch z.B. aufgrund von Listen, die Freud über seinen Briefverkehr geführt hat, gehen von 20.000 oder mehr Briefen aus, die Freud im Laufe seines Lebens geschrieben hat. Von diesen sind vielleicht 11.000 erhalten, und man geht von ungefähr 7.000 publizierten und 4.000 immer noch unpublizierten Briefen aus.
In ihrer Mehrheit befinden sich die Originale oder Fotokopien der originalen Briefe in der Library of Congress in Washington, diese wurden für die digitale Gesamtausgabe abgelichtet, digitalisiert und sind in Form von Faksimiles ein wesentlicher Bestandteil dieser Edition. Über einen umfangreichen Bestand (zumeist in Kopie) verfügt auch das Freudmuseum in London. Der Briefwechsel zwischen Freud und Ferenczi ist in der Österreichischen Nationalbibliothek archiviert.
Von den gedruckten Briefen finden sich einige in (aus editorischer Perspektive) herausragenden Ausgaben, jedoch sind einige auch voll von Lesefehlern, sie sind gekürzt oder nur in Übersetzung erschienen, nicht wenige Briefe sind an schwer zugänglichen Orten (z.B. in Auktionskatalogen) dokumentiert. Jene Briefe, die sich in Privatarchiven befinden, sind der Forschung nur zum Teil bekannt.
Die von Freud nicht auf Deutsch (sondern auf Englisch, Französisch oder Spanisch) verfassten Briefe sollen sowohl in ihrer ursprünglichen Sprache als auch in deutscher Übersetzung aufgenommen werden.
Gerhard Fichtner hat umfangreiche Recherchen zum Briefbestand hinterlassen.
Die Edition kann sich für die Recherchen zur Briefausgabe auf das umfassende und 2013/14 aktualisierte Werkverzeichnis aller publizierten Schriften Freuds (einschließlich des bis 2013 publitierten Briefwerkes) von Inge Meyer-Palmedo, Gerhard Fichtner und Albrecht Hirschmüller stützen.
Christfried Tögel hat in einem Verzeichnis alle Briefe der Korrespondenzen Freuds erfasst.

II. Werk

In das Werk werden alle Schriften Freuds aufgenommen, das schließt auch all jene Quellen ein, die erst posthum publiziert oder bisher nicht veröffentlicht wurden.
Ein Werk wird in allen hier relvanten Expressionen und Manifestationen erfasst, beim Druckwerk zählen dazu alle Druckvorstufen wie etwa die Entwürfe, Reinschriften und Druckfahnen, die Erstausgabe und alle Auflagen, die zu Freuds Lebzeiten in der Originalsprache erschienen sind, bis zur Ausgabe letzter Hand. 
Die Edition kann sich dabei auf das umfassende und 2013/14 aktualisierte Werkverzeichnis aller publizierten Schriften Freuds von Inge Meyer-Palmedo, Gerhard Fichtner und Albrecht Hirschmüller und auf das Werkverzeichnis der Sigmund-Freud-Gesamtausgabe und im Falle der Handschriften vor allem auf die Bestände der Library of Congress in Washington stützen.

II.1. Das von Sigmund Freud selbst publizierte Druckwerk
Das wissenschaftliche Druckwerk umfasst alle von Freud selbst publizierten Schriften, das schließt die vollständige Aufnahme aller Schriften, die Freud zusammen mit anderen Autoren und Autorinnen verfasste, ebenso ein, wie seine geruckten Rezensionen, Gutachten, Nachrufe, Vorworte zu eigenen Schriften und denen anderer Autoren und Autorinnen, sowie seine Übersetzungen. Aufgenommen in die digitale Gesamtausgabe werden auch die originalen Texte (als Faksimiles der Drucke und in Transkription) der von Freud übersetzten Arbeiten, z. B. die betreffenden Schriften von Charcot, Bernheim und Mill.
Vor allem wird auch Freuds Frühwerk in die Gesamtausgabe integriert und die Trennung in ein „voranalytisches“ Werk und ein psychoanalytisches „Hauptwerk“ aufgehoben. Damit wird nicht nur dem wissenschaftlichen Rang dieser frühen Schriften entsprochen, sondern auch deutlich gemacht, wie sehr Freuds ursprüngliche Verankerung in der Neurologie und der zeitgenössischen Physiologie sein gesamtes Wissenschaftsverständnis beeinflusste. Wenn er auch sein Vorhaben aufgeben musste, die Psychoanalyse direkt auf einer neurophysiologischen Grundlage ausarbeiten zu können, hat er doch diese Verbindung implizit in seinem späteren psychoanalytischen Werk aufrechterhalten und ist sein Werk als ein Gesamtkorpus zu verstehen.
Für die Edition des bisher publizierten Werkes kann sich die Gesamtausgabe auf das umfassende und 2013/14 aktualisierte Werkverzeichnis aller publizierten Schriften Freuds von Inge Meyer-Palmedo, Gerhard Fichtner und Albrecht Hirschmüller stützen.

II.2. Handschriften Nachlass (und Miszellen)
Freuds Handschriften sind wertvolle, bisher nur teilweise erschlossene Dokumente. Sie umfassen so unterschiedliche Texte wie etwa das Notizenwerk, alle Manuskripte und Vorformen der publizierten Werke (Entwürfe, Reinschriften, Fahnenkorrekturen u. ä.), Widmungen, Randbemerkungen in Büchern, Empfehlungsschreiben, alle nicht von ihm publizierten Krankengeschichten, Krankenblätter und Fallvignetten, Autobibliografien, Chroniken, Kalendereinträge, oder Patientenkalender.
So sorgsam und auch strategisch Freud die Publikation seiner Schriften betrieb und so wichtig ihm sein Notizenwerk war, so desinteressiert war er lange am Schicksal seiner Manuskripte, wenn ein Werk einmal in Druck gegangen war. Seine Entwürfe, Manuskripte, Reinschriften und korrigierten Druckfahnen hat er lange Zeit „unbedenklich dem Papierkorb überantwortet“ (1). Erst ab etwa 1914 hat er die Vorstufen der gedruckten Texte etwas systematischer aufbewahrt, die überwiegende Mehrheit davon befindet sich heute in den Freud Archives der Library of Congress (LOC) in Washington – seit Jänner 2017 elektronisch abrufbar unter www.loc.gov. 
Die Faksimiles dieser Originale wurden für die digitale Gesamtausgabe abgelichtet, digitalisiert und bilden einen wesentlichen Bestand dieser Edition.
Die Handschriften stellen in ihrer Gesamtheit eine wesentliche Ergänzung des Druckwerkes dar und sollen mit diesem in der hier vorgestellten Edition über den Anmerkungsapparat, Textvergleiche und Querverweise eng verknüpft sein.
(1) Sigmund Freud in einem Brief an Abraham Schwadron, zitiert nach Ilse Grubrich-Simitis (1993, 117).

II.3. Miszellen
Als Werk augenommen werden auch Quellen wie etwa Tondokumente, Interviews und Diskussionsbeiträge, die zwar nicht direkt aus Freuds Hand stammen, jedoch zum größten Teil von ihm autorisiert wurden (z. B. seine Wortmeldungen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung) oder über Tonspuren überliefert sind.

Christine Diercks (CD) und Ernst Falzeder, 23.9.2014;
verändert und ergänzt von CD am 16.10.2016, 5.3.2017, 23.9.2017