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    IMAGO
    ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE AUF DIE GEISTES-
    WISSENSCHAFTEN / HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR DR. SIGM. FREUD
    SCHRIFTLEITUNG:
    OTTO RANK                   DR. HANNS SACHS
    IX/4,Simondenkgasse     XIX/1, Peter Jordanstrasse 76
    VERLAG HUGO HELLER & CO., WIEN, I. BAUERNMARKT 3
    Abonnementspreis ganzjährig (6 Hefte, etwa 30 Bogen) K 18.– = Mk.15.–

    Wien, 28 Dez 1914

    Verehrter Kollege

    Unter dem Einfluß dieses Krieges wage ich es,
    Sie an zwei Behauptungen zu erinnern, welche
    die Psychoanalyse aufgestellt hat, und die gewiß
    dazu beigetragen haben, sich beim Publikum
    unbeliebt zu machen.

    Sie – die Psychoanalyse – hat aus den Träumen
    und Fehlhandlungen der Gesunden wie aus
    den Symptomen der Nervösen geschloßen,
    daß die primitiven, wilden und bösen Im-
    pulse der Menschheit bei keinem Einzelnen
    verschwunden sind sondern noch fortbestehen,
    wenngleich verdrängt, im Unbewußten, wie
    wir in unserer Kunstsprache sagen, und
    auf die Anläße warten, um sich wieder
    zu betätigen.

    Sie hat uns ferner gelehrt, daß unser
    Intellekt ein schwächliches und abhängiges
    Ding ist, ein Spielball und Werkzeug unserer Trieb-
    neigungen und Affekte, daß wir uns alle
    scharfsinnig oder schwachsinnig gebärden

  • S.

    müßen, je nachdem unsere Einstellungen
    und inneren Widerstände es gebieten.

    Und nun blicken Sie auf die  Vorgänge
    dieser Kriegszeit, auf die Grausamkeiten
    und Rechtsverletzungen, deren sich die
    zivilisirtesten Nationen schuldig machen,
    auf die verschiedene Art, wie sie die eigenen
    Lügen, das eigene Unrecht, und das der
    Feinde beurteilen, auf die Einsichtslosigkeit
    aller beidenseits und gestehen Sie mir zu, daß
    die Psychoanalyse bei beiden Behaup-
    tungen Recht gehabt hat.

    Sie war darin vielleicht nicht durchwegsaus
    originell. Viele Denker und Menschenkenner
    haben ähnliches gesagt, aber unsere Wissen-
    schaft hat beide Sätze im Detail durchgeführt
    und zur Aufklärung vieler psycholog-
    ischer Rätsel verwendet.

    Ich wünsche Sie in schöneren Zeiten
    wiederzusehen.

    Ihr herzlich ergebener
    Freud