• S.

    Bellevue 23/9 95.

    Liebster Wilhelm!

    Ich schreibe so wenig an Dich, nur weil
    ich soviel für Dich schreibe. Was ich
    nämlich noch im Eisenbahnwagen begon̄en,
    eine sum̄arische Darstellg der φψω
    ,
    an die Du Deine Kritik anknüpfen
    sollst, das setze ich jetzt in freien Stunden
    u in den Pausen zwischen den Akten der
    allmälich sich steigernden Arztlichkeit fort.
    Es ist schon ein staetlicher Band, Geschmier
    natürlich; aber doch, wie ich hoffe, eine
    Unterlage für Deine Zuthaten, auf
    die ich große Hoffnungen setze. Mein
    ausgeruhter Kopf last löst von damals
    erübrigte Schwierigkeiten jetzt
    spielend, so z B den Widerspruch, daß
    die Leitgen ihren Widerstand wider
    -
    herstellen, während die N im Allgemeinen
    der Bahnung unterliegen. Das

  • S.

    fügt sich jetzt sehr leicht ein durch den
    Hinweis auf die Kleinheit der
    endogenen Einzelreize. Auch andere
    Punkte ordnen sich jetzt zu meiner
    größeren Zufriedenheit. Wieviel
    von dem Fortschritt bei besserem
    Zuschauen wieder in Schein zerfließt,
    steht freilich noch dahin. Aber Du
    hast mir den mächtigen Impuls
    gegeben; die Sache ernst nehmen
    zu dürfen.

    Außer der Anpassg an die allgemeinen
    Beweggsgesetze, die ich von Dir
    erwarte, steht mir wol zu die
    Theorie an den Einzelthatsachen
    der neueren Exp.psychologie
    zu prüfen. Die Fascinationsfähigkeit
    des Themas ist für mich die
    gleiche geblieben, sehr zum Nachtheil

  • S.

    alles ärztlichen Interesses u meiner
    Kinderlähmgen, die bis Neujahr fertig
    werden sollten!

    Ich weiß kaum sonst von Anderem
    zu erzählen; ich gedenke, Dir die
    Sache vielleicht in 2 Abtheilgen zu
    schicken. Hoffentlich thut mir
    Dein Kopf den Gefallen, die Belastg
    in einer frischen Zeit für eine feder-
    leichte zu nehmen. Deine autotherap.
    Versuche begrüße ich sympathisch.
    Mir ist es ergangen, wie Du es
    vermuthest, also grim̄ig schlecht, steigende
    Beschwerden seit der letzten Siebbein-
    operation. Wen̄ ich nicht irre, war heute
    ein Anfang zur Milderung.

    Daß die Wahlen im III. W.körper 46
    gegen 0, u im II. 32 gegen 14 liberale
    Mandate ergeben haben, hat Dir
    wol Ida vorgelesen. Ich habe doch
    gewählt. Unser Bezirk ist liberal

  • S.

    geblieben.

    Ein Traum vorgestern hat die komischsten
    Bestätiggen der Auffassung ergeben,
    daß die Wunscherfüllg das Motiv
    des Traumes ist. Löwenfeld hat mir
    geschrieben, daß er eine Arbeit über
    Ph u Zwangsv auf Grund von 100 Fällen
    vorbereitet u hat mich um verschiedene
    Auskünfte angegangen. Ich habe zur
    Antwort ihn gewarnt, meine Sachen
    ja nicht leicht zu nehmen.

    Schande, aber erklärte Schande, daß
    ich Dir die Wehenschmerzarbeit noch
    nicht zurücksenden kan̄. Ich warte
    auch noch auf Deine Migräneer-
    fahrungen. Weib u Kindergesindel
    befinden sich mir sehr wol.
    Dir
    Deiner l Frau, für die selbst
    Alex schwärmt u der jungen Hoffnung
    wünsche ich das herzlich Beste.

    Dein Sigm