• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    1. März 14

    Lieber Dr van Eeden

    Es ist mir sehr interessant un wertvoll, daß
    Sie einen Aufsatz über meine Arbeit
    schreiben werden u ich bin gerne bereit,
    Ihnen die gewünschten Aufklärungen
    zu geben, obwol ich nicht mehr sagen kann,
    als schon in meiner Traumdeutung steht.
    Ich habe aber die geheime Hoffnung, daß
    Sie diese nicht ordentlich gelesen haben,
    und daß ich Sie veranlaßen kann, einiges
    darin nachzusehen.

    Zur ersten Frage: Meine Trdteutg ist nicht auf
    Tr von Neurotikern sondern wesentlich
    auf eigene Tr. gestützt. Die Behauptg, daß
    iim Tr. nicht geurteilt und gewertet wird,
    auch nicht gesprochen, kann Ihren Erfahrungen
    nicht widersprechen. Sie leitet sich nämlich
    von der Unterscheidg zwischen manifestem
    Trauminhalt u latenten Trgedanken ab,
    die fundamental ist und doch so selten
    ernst genom̄en wird. Die Analyse zeigt,
    daß alles gedachte, geurteilte udgl aus
    den latenten Trgedanken stam̄t, in denen
    sich natürlich unsere ganze seelsiche
    Thätigkeit widerfindet. Man darf den
    Tr aber nicht mit den latenten Trgedanken
    verwechseln, wie es die Schweizer jetzt

  • S.

    Natürlich kennt jeder von uns zunächst nur
    bewußte Vorgänge in sich selbst und darf
    schließen, daß die ihm unbewßten eines
    anderen diesem Anderen bewußt sind.
    Aber wer Analyse macht, muß notwendig
    lernen, daß er sich in dieser recht natür-
    lichen Veraussetzung geirrt hat, und daß
    er bei sich selbst seelische Akte finden
    kann, die seinem Bewußtsein fremd
    geblieben sind, auf die er aber wegen
    gewißer Wirkungen schließen muß,
    nach Art eines sicheren Indizienbeweises
    ohne Geständnis. Endlich giebt ihm die
    Analyse die Mittel, auch diese zuerst
    ubw. Vorgänge bei sich bewußt zu machen,
    ähnlich wie die Photographie die sonst
    unsichtbaren ultravioletten Strahlen sicht-
    bar macht.

    Daß das Ubw eine Lockerung der Beziehungen
    zwischen unserem Seelenleben und unserem
    individuellen Körper bedeuten sollte,
    kann ich aber nicht einsehen. Mein
    unbewußter Gedanke ist genau
    so mein individuelles Eigentum
    wie mein Bewußter. An dieser

  • S.

    Stelle droht uns keine Umwälzung.

    Ihre Arbeit besitze ich jetzt in zwei
    Exemplaren, die Rede von Jelgersma
    hat mich überrascht und gefreut. Gerade
    in Ihrem kleinen Holland ist also die
    Trdeutung zuerst auf akademischem
    Boden anerkannt geworden! Bleuler
    war nämlich gerade in diesem Punkt 
    kein Anfänger.

    Ihr Besuch hat das die angehmenste Nach-
    empfindung bei uns hinterlassen. Die
    Frauen sprechen noch oft von Ihnen
    u Ihrer so ungezwungen liebens-
    würdigen Begleiterin, u die Jungen
    bedauern, Sie infolge der Abänderung
    Ihrer ursprünglichen Intentionen
    nicht gesehen zu haben.

    Ich grüße Sie herzlich und bitte Sie
    um  Fortdauer Ihrer freundlichen
    Gesinnungen unbeschadet unserer
    theoretischen Differenzen.

    Ihr ergebenster
    Freud

  • S.

    Sigmund Freud.

    Von Frederik van Eeden.

    Als der Rektor Magnificus der altberühmten Univer-
    sität zu Leiden in Holland, Professor Jelgersma, diesem
    Jahre seine Rektorats-Rede abhalten sollte, da wählte er als
    Thema: "Unbewußtes Geistesleben" und sprach von dem
    "Genie" des Wiener Professors Siegmund Freud, dessen vor
    zehn Jahren erschienes Buch über "die Traumdeutung"
    man jetzt ohne Zweifel als klassisch bezeichnen dürfte. Diese
    Anerkennung von so offizieller Stelle hat gewissermaßen
    historische Bedeutung und wird wohl nicht ohne Widerspruch
    aufgenommen worden sein.

    [...]

    Indem man dieses große Gebiet der Seele, das wir in-
    direkt kennen lernen, "unbewußt" nennt, erklärt man es für
    tot, mechanisch, automatisch. Man schließt dadurch a priori
    Möglichkeiten aus, man forscht in bestimmter Richtung, ohne
    die erforderliche Vorurteilslosigkeit.

    Man kann also exakt wissenschaftlich nur sagen, daß es
    etwas gibt, daß wir bildlich umdeuten können, als ein großes
    unbekanntes Gebiet der Seele, worin gedacht, geurteilt, emp-
    funden, gewünscht und gewollt wird, ohne daß wir uns dessen
    erinnern, – ohne daß wir anders als mittelbar, indirekt da-
    von etwas erfahren.

    Über dieses große X, diese gewaltige Unbekannte nun,
    hat Freud durch geduldiges und scharfsinniges Studium un-
    serer Handlungen, unserer täglichen Irrtümer und besonders
    unserer Träume, die merkwürdigsten Tatsachen aufgedeckt,
    deren Richtigkeit jeder Forscher durch eigenes Wahrnehmen
    bestätigen kann. Hierin liegt das Große, Epochenmachende sei-
    ner Arbeit, hierdurch wird sein Name als genialer Forscher
    durch die Jahrhunderte bekannt bleiben.

    [...]

    Freud unterscheidet also den manifesten Traum, das
    scheinbar konfuse Traumbild, die sichtbaren Hieroglyphen, und
    den latenten Traumgedanken, der im unbekannten Seelen-
    reich vor sich geht, und der für unser Leben meistens von
    großer Wichtigkeit ist. Als Traumarbeit bezeichnet er das
    Uebertragen der latenten Gedanken in die manifeste Traum-
    sprache, und über diese Traumarbeit hat er bestimmte Regeln
    aufgestellt, die das Verstehen der Traumsprache ermöglichen.
    Man träumt z. B. von einem Tier, einem Pferd, das jung
    ist, klein, braun und weiß, man reitet darauf und das

  • S.

    bricht sich ein Bein. Dieses ist es, was Freud manifesten
    Trauminhalt nennt, dieses sind die Hieroglyphen. Der latente
    Gedanke ist folgender: ich möchte gern mit einer gewissen
    Person in nähere Bezeihung kommen, ich fürchte aber, daß
    es dieser Person schaden wird. Das Pferd steht an der Stelle
    der Person, daß es klein ist, bedeutet, daß die Person weit
    weg wohnt oder weg geht, die Farbe hat Beziehung auf ein
    Kleid dieser Person oder eine Tapete ihres Zimmers usw.

    [...]

    Schon lange schwebt mir der Gedanke vor, daß die Ent-
    wicklung der Menschheit, unsere Kultur, einen Kampf

  • S.

    3

    zwischen Rasse und Individuum mit sich bringt. Das
    Geschlecht sucht sich zu vermehren, sich auszudehnen in Zahl,
    sich zu sichern und fortzupflanzen. Damit bildet es einen
    Nährboden für das individuum. Das Individuum aber, der
    einzelne, sucht sich aus der Rasse hervorzuheben und die ganze
    Welt in den Lichtkreis seiner Beobachtung und seines Emp-
    findens zu ziehen. Diese beiden Kräfte nun kommen in Kon-
    flikt, und das ganze heutige Kulturleben wird durch diesen
    Konflikt erklärt.

    Der Einzelne und die Gesamtheit haben nciht dieselben In-
    teressen. Die Rasse will den Nährboden bilden, der einzelnen
    will sich dieses Nährbodens bedienen, das heißt, ihn in sich
    ziehen und verzehren, sublimieren, wie Freud sagt. Jetzt
    kämpfen die zwei Mächte. Die Rasse will den einzelnen
    zwingen, sich fortzupflanzen, sie treibt ihn mit dem gewlatigen
    Libido sexualis, sie zwingt und droht mit Nervenkrankheit und Irrsinn. Der einzelne aber will seinen Lichtkreis aus-
    breiten, er will empfinden, erlebn, er will die Welt nicht
    nur wissen und können, sondern auch sein.

    [...]

    DAs ist die „Natur", wovon im vorigen Jahrhundert
    so oft die Rede war, die im Schellauf wiederkehrt, wo man
    sie verjagt.

    Aber wie viele auch fallen, der Kampf hört nicht auf, eben
    weil immer neue Einzelne kommen, mit demselben Drang zur
    Sublimierung. Und dann – das ist das Wichtigste – die
    unbekannte Macht wird gebändigt, sobald sie in den Lichtkreis
    des einzelnen gezogen wird. Das bedeutet, daß der Sieg
    dem Individuum doch endlich zukommen muß, denn der
    Zwang der Rasse, die Libido, hebt sich selber auf, und bei
    tiefer Selbstbetrachtung löst der Streit sich in Harmonie.

    Ich bin weder der erste noch der einzige, der diese Wahr-
    heit geahnt hat. Man wird sie bei Mystikern, Dichtern und
    Weisen aus verschiedenen Jahrhunderten und Nationen finden.

    Ihr eine wissenschaftliche Stütze gegeben zu haben, scheint
    mir einer der wichtigsten Leistungen von Freuds Neurosenlehre.