• S.

    Wien, 27. XI. 93

    Theurer Freund

    Der letzte Brief, den ich für Dich
    zu Stande gebracht, hat sich unmittel-
    ar darauf „verschloffen" wie man
    in Wien sagt u dan̄ kam eine
    schreibmüde, nasenverstopfte Zeit,
    in der ich mich nicht dazu haben
    konnte Ich habe mich neuerlich bren̄en
    lassen, bin wieder arbeitslustig, aber
    mit dem Erfolg der lokalen Therapie
    sonst wenig zufrieden. Deinem Rauchver-
    bot folge ich nicht; hältst Du es den̄
    für ein großes Glück, sehr lange Jahre
    elend zu leben? Ich bin aber von
    den betreffenden Sensationen sehr
    wenig belästigt.

    Jetzt ist es mir also geschehen, daß ich
    die Nachrichten von meiner werten
    Person in den vordersten Grund
    gestellt habe, als ob es nichts wichtigeres
    zu schreiben oder zu fragen gäbe

  • S.

    In dem verlorenen Brief stand eine
    ganze Menge Wissenschaft: Nase
    Sexualia, Flim̄erskotom; das ist alle
    nun verloren u nicht schade darum.
    Die Nasengeschichten waren doch für Dich
    unbrauchbar, guesses ohne Nasenspiegel-
    befund. Das Sexualgeschäft consolidirt
    sich sehr, die Widersprüche verstum̄en,
    aber das neue Material ist recht spärlich
    in Folge einer geradezu ungewöhnlichen
    Armseligkeit meiner Ordinationsstunden.
    Wo ich einen Fall zur gründlichen Reparatur
    übernom̄en habe, bestätigt sich alles u manchmal
    findet der Sucher mehr als er zu finden
    wünschte, bes. die Anaesthesia seualis
    ist recht vieldeutig u zuwider. Die
    Angst Typus Pietsch hat sich wol erklärt. Ich
    habe einen vergnügten alten Jung-
    gesellen gesehen, der sich nichts abgehen
    läßt u der einen klassischen Angstanfall
    producirt hat, nachdem er sich von
    seiner 30j. Dame zu einem 3maligen
    Koitus hinreißen ließ. Ich bin

  • S.

    überhaupt darauf gekom̄en, die Angst nicht
    an eine psychische, sondern an eine physische
    Folge der sexualen Misbräuche zu
    knüpfen. Ein wunderbar reiner Fall von
    Angstneurose nach Coit. int. bei einer
    ganz ruhigen und ganz frigiden Frau
    hat mich darauf gebracht. Es geht auch sonst
    gar nicht zusam̄en.

    In jeder anderen Beziehg ist die Zeit meines
    Schweigens recht uninteressant gewesen
    Zu Hause sind alle wol, die Influenza
    die wol wieder epidemisch wird, steht erst
    vor der Thüre. Meinem Kopfe fehlt die
    gewohnte Überarbeitg, seitdem ich –
    Frau von Lieben) verloren habe. Mit
    Breuer stehe ich gut, sehe ihn aber wenig.
    Er hat sich für meine Samstagsvorlesg
    inscribirt ! Dein Schwiegervater sorgt
    noch im̄er für die Verbesserg meiner
    Wohnung, er hat mir unlängst eine
    solche zu 3400 fl angetragen. Ich finde
    es reizend von ihm, aber ich gedenke

  • S.

    zunächst zu bleiben.

    Voraussetzung des ganzen Geschwätzes ist,
    daß Du u Deine liebe Frau, beide
    wol seid u daß Dein Kopfschmerz
    sich seit der letzten Operation
    gründlich verzogen hat; sonst hätte
    ich ja wol in der Zwischenzeit
    von Dir gehört.

    Beilage A. (Enuresis) ist ein Schmarrn
    Beilage B trete ich Dir ab, vielleicht
    findest Du darin etwas, was Dich
    interessiert. Ich kenne den L. u
    behandle in seiner Familie.

    Mit herzlichstem Gruß an'
    s ganze Haus
    Dein
    Sigm Freud