• S.

    Wien, 4.3.95.

    Liebster Wilhelm

    Habe Dich unverantwortlich lange
    ohne Antwort gelassen, nun hat sich
    viel angehäuft. Zunächst das Bild, es
    ist die einzige Aufnahme die in
    Betracht kam; ich habe meine Bestellg
    nach ihr gemacht. Schön sind wir beide nicht
    (oder nicht mehr) aber mir ist die Freude
    Dich nach der Operation so an der Seite
    zu haben, deutlich anzumerken.

    Sodann Deine Berichtigung, ich habe mehrere
    Abende nach Erhalt Deines Briefes
    nachgesucht, sie ist nicht erschienen.
    Breuer meint, da ist nichts zu machen, denn
    Du wirst nur citirt für die Angabe
    daß die Sache nicht abgeschlossen ist
    u das kan̄st Du nicht in Abrede stellen.
    Ich glaube man läßt ihn laufen, es ist
    nicht der Rede werth, wenn Du

  • S.

    nur Chobak versichert hast, daß Du unschuldig
    bist, so ist aller mögliche Schaden verhütet.
    Sonst ist die Sache ja Wurst. Natürlich
    bereden sie jetzt Deine Versuche viel
    u sprengen dabei aus, es sei nicht
    gegangen. Bei Schauta soll es sich nicht
    bestätigt haben. Laß Dich nicht anfechten.

    Drittens ich weiß, daß Ihr beide Influenza
    habt, hoffentlich bald gehabt habt.
    Ich habe mich nicht telegraphisch nach
    Deinem Befinden erkundigt, weil
    das wol für den Verkehr mit
    Deiner Mama reservirt bleibt. Ich
    hörte, daß ihre Influenza recidivirt
    ist. Bei uns ist noch alles wol. Es
    giebt sonst sehr viel, aber leichte
    Fälle.

    Viertens, mit der Eckstein kan̄ man

  • S.

    nicht zufrieden sein. Anhaltend noch Schwellung
    u auf und ab, „wie eine Lawine“, Schmerzen,
    so daß das Morphin nicht zu entbehren ist.
    schlechte Nächte. Die Eiterung hat sich seit
    gestern ermäßigt. Vorgestern (Samstag)
    gab es eine massenhafte Blutung
    wahrscheinlich in Folge Abstoßung
    eines hellergroßen Knochenplättchens,
    es waren 2 Eiterschalen voll. Heute
    stießen wir auf Widerstand beim Ausspülen
    u da Schmerzen u sichtbares Oedem sich
    gesteigert hatten, ließ ich mich bewegen
    Gersuny zu holen (nebenbei, er hat
    einen Stich von der „Todteninsel“
    sehr bewundert). Er erklärte den
    Zugang für sehr verengt u ungenügend
    zur Drainirg, legte ein Drainrohr
    ein u drohte mit Aufbrechen, wen̄ es
    nicht hielte. Nach dem Geruch ist

  • S.

    das wol richtig. Ich bitte um Deinen maßgebenden
    Rath. Auf neue Operationen mit dem
    Mädel freu ich mich nicht.

    Fünftens. Schnell was Erfreulicheres darauf.
    Breuer hat in seinem Aufsatz über
    Theorien der Hysterie (für unser Buch) als
    Beispiel von Fernwirkg den Nasenkopf-
    schmerz u die Aufhebg von Intercostalschmerzen
    von der Nase her! Ich gratulire Dir. Er
    sollte Samstag in meiner Vorlesg Vortrag
    halten, blieb aber e mal stecken u
    brach mit einer Entschuldigg ab. Ich mußte
    für ihn eintreten. Ich war sehr besorgt.
    Es war aber nur Übermüdg. Son̄tag
    abends war ich dan̄ bei ihm u habe
    ihn durch die Mitteilg der Analyse
    von der Eckstein, die Du auch nicht
    ordentlich kennst, wieder einmal
    bezwungen. Wahrscheinlich nur auf

  • S.

    kurze Zeit. Wen̄ Du abwesen bist u ich
    mich vorher ordentlich ausgeschimpft habe,
    steigt er wieder sehr bei mir. Er hat
    übrigens in dem Aufsatz alle meine
    Ideen acceptirt, spricht beständig von
    Conversion u von Abwehr, weil es
    wol nicht anders geht.

    Sechstens. Wissenschaftlich wenig Neues. Ich
    schreibe eilig an dem Aufsatz Therapie
    der Hysterie. Daher auch meine Verspätung.
    Unser Tabesfall (Nase!) ist von Prof. Lang
    anerkan̄t worden u gilt jetzt als diagnostische
    Kraftleistung. Sonst lauter Tabes; habe Dir
    nichts beizulegen. Höchstens kleine Analogie
    zu der Traumpsychose der Emma E., die wir
    erlebt haben. Der Rudi Kaufman̄, ein sehr
    intelligenter Neffe von Breuer, auch
    Mediziner, ist ein Spätaufsteher u läßt
    sich von einer Bedienerin wecken, der er

  • S.

    dan̄ sehr ungern folgt. Eines Morgens weckt
    sie ihn wieder u ruft ihn, da er sie nicht
    hören will, bei seinem Namen: „Herr
    Rudi“. Darauf hallucinirt der Schläfer
    eine Spitalstafel (vgl Rudolfinerhaus!)
    mit dem Namen: Rudolf Kaufman̄
    darauf u sagt sich: Also ist der R. K.
    ohnedieß schon im Spital, da brauch ich
    ja nicht hinzugehen u schläft weiter!

    Siebtens: Paschkis habe ich noch nicht
    sprechen können; ich habe mich auch
    darüber zu beschweren, daß er keine
    Correcturenschickt, so daß alles, von
    orthographischen bis zu sinnzerstörenden
    Druckfehlern stehen bliebt. Vielleicht
    fällt Dir der kleine Aufsatz über
    Migraine in die Hand, er enthält
    blos zwei Leitmotive.

  • S.

    Morgen werde ich bei Bondy hören,
    was Ihr macht. Herzlichste Grüße unterdeß
    Dienstag nach Deiner Abreise war die
    Stadt leer trotz des Albrechtgedränges.

    Schnelle Genesung wünschen Euch
    alle u ich

    Dein Sigmund

  • S.

    Krankenbericht 4.3.95.

    Noch am letzten Tag Deiner Anwesenheit
    entleerte ich plötzlich einige Borken
    von R, der nicht operirten Seite. Am
    nächsten Tag schon kam dicker, alter
    Eiter in großen Klumpen zuerst nur
    von R, dan̄ bald auch von L. Seither
    ist die Nase wieder überschwem̄t,
    die Eiterung erst seit heute lockerer
    Leichte, aber regelmäßige Beschwerden:
    Morgens: Verstopfg, wüster Kopf, nicht
    gut als bis große Mengen entleert
    werden, dazwischen manchmal eine
    Migraine, alles übrigens leichter
    Art. In den ersten dieser Tage
    bemerkte ich noch mit Stolz, daß ich
    Stiegen steige ohne Dyspnoe,
    seit 3 Tagen Schmerzen in der Herzgegend,

  • S.

    ataktischer Puls und schöne Insufficienz.
    Heute z. B. kam ich irgendwohin, fand den
    Wagen des Consilar schon vor dem Thor,
    lief die Treppe hinauf u kon̄te dan̄ 
    5 Minuten lang nicht reden, mußte
    mich krank beken̄en usw. Vor 3
    Tagen habe ich nach einer Massage den
    ganzen Spektakel wie in alten
    Zeiten wiederbekom̄en, heute vor-
    mittag wollte ich wieder (relativ) jung
    sterben.

    An sich nicht behaglich, werden diese Nachrichten
    erfreulich durch die neuerliche Betonung
    der Abhängigkeit des Herzzustandes
    vom Nasenzustand. Letzteren kan̄ ich
    nicht als neue Infektion auffassen,
    mein Eindruck ist, daß ich wirklich
    nach Deiner Vermutung noch

  • S.

    einen Eiterherd habe (Keilbein R), dem
    es jetzt beliebt hat, so als Privat-Aetna
    einen Ausbruch zu produziren.

    Darum brauchst Du aber nicht
    zu kom̄en. Ich werde Dir unterdeß
    getreulichen Bericht geben

     

    ---
    Vorläufige editorische Anmerkungen

    „Dienstag nach Deiner Abreise war die Stadt leer“.
    Der 4.3. war ein Montag. Die Abreise von Fließ liegt also 6 Tage zurück

    Freud unterschrieb bis zum Manuskript G immer mit Nachnamen.

    Fließ war von 1. bis 26. Februar in Wien.

    Emma Eckstein wurde am 21. oder 22. Februar operiert.

    "Emma" findet erstmals bei Schur Erwähnung.

    Hier treffen wir auf ein erstes Beispiel zu Freuds Theorie, der Traum sei eine Wunscherfüllung, die er in der Traumdeutung im 3. Kaptiel und in Abschnit C Abschnitt des 7. Kapitels darlegte.
    "Denselben Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen S' auf, Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H … cand. Med., zweiundzwanzig Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst hinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden." (Freud 1900-001, GW 2, 130f)

    Gleich anschließend an diesen Traum folgt ein zweites Beispiel für die wunscherfüllende Funktion, das – so vermutet schon Michael Schröter in seiner Anmerkung zu den Fließ-Briefen (Masson, 1986, 114f) – möglichwerweise eine Beschreibung der "Traumpsychose" von Emma Eckstein, die er in diesem Brief erwähnt, beinhaltet.
    "Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes selbst einwirkte: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verantwortete sich: “Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die Folge eines Traums, den ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traum in einer Loge in der Oper und interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl Meyer und jammerte fürchterlich vor Kieferschmerzen. Ich habe gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.” Dieser Traum der armen Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirklich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich erinnern konnte." (Freud 1900-001, GW 2, 131)
    Es ist ein Traum, der uns – überdeterminiert – auch an Emma Eckstein denken lässt, deren "ungünstig verlauf

    Der "Traum vom 23./24. Juli 1895" von ›Irmas Injektion‹ greift dieses Thema neuerich auf und analysiert die wunscherfüllende funktion dieses Traumes: "Von der Verantwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sachverhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch." (GW 2, 118)

    Eine nächste Erwähnung der wunscherfüllenden Funktion des Traumes finden wir in Freuds Brief an Fließ vom 23.9.1895: "Ein Traum vorgestern hat die komischesten Bestätigungen der Auffassung ergeben, daß die Wunscherfüllung des Motiv des Traumes ist." (Masson, 1986, 144)