S.

Facsimile: https://www.loc.gov/resource/mss39990.02807/?sp=7&r=0.412,-0.015,0.5,0…,…
16.5.2021
original in Un of Jerusalem copy
donated by Peter Swales]

 

 

Bellevue 15Sept95

Theure Freunde und Gastgeber!

Es thut für einen Abschied gut, wenn man
gleich darauf in andere Verhältniße
kom̄t, die etwas zu thun geben. So
lobte ich es sehr, daß ich mich in Corsica
zurechtzufinden hatte, mich hüten mußte
Pelasger und Phokaeer zu verwechseln,
u bestrebt war das etwas monotone
Heldentum der Herren Corsen durch all
seine zahlreichen Incarnationen mit indiv-
iduellen Zügen ausgestattet zu halten.

Es gab zwar Hinderniße genug für diese
Geistesarbeit, Seitenassociationen störten
mich beständig in der Aufmerksamkeit
u bei den Phokaeern z. B. stellte sich
die unüberwindliche, noch heute
nicht genügend aufgeklärte Neigung
ein, sie für „Seehunde" zu halten.
Ein nasales Symptom wahrscheinlich.
Dazwischen forderte die Umgebung
ihr Recht. Wir hatten Alle in Betreff
des grünen Jägers eine leichtfertige
Vorhersage angenom̄en; er blieb
bis Oberhollabrunn ein

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treuer Zellengenosse und verrieth allerlei
über seinen „Alten",  den Herzog Günther
von Schl-Holstein, den er zur Jagd
nach Österreich begleitete. Ich sah den
„Alten" später, als einen unsympathischen
hochgewachsenen u gebückten Jüngling
mit struppigem gelbem Bart. Die
interessanteste Figur der Gesellschaft
war aber der zudritt eingestiegene
Passagier, der im Stande gewesen
wäre auch das Urtheil eines Nothnagel
in Betreff der Unarten der Juden
zu modificiren. Er vor bezeugte  vor
allem seinen Urculturzustand u
Bildungsgrad, indem er mit der Angabe,
es „ziehe", beide Fenster schließen
wollte. Mein Protest erhielt mit
Mühe das obere Drittel des
Fensters auf meiner Seite offen.
Trotzdem mußte mein Platz ihm
gefallen haben, denn er saß plötzlich
dort, bis ich eine günstige Gelegenheit
erhaschend ohne ein Wort der Erklärg
mich wieder an die Stelle brachte.

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Als ich dan̄ einmal nach meinen Paketen
griff u eine Lebensmittelausstellung
bloslegte, die freilich geeignet war,
Neid zu erwecken, brach er – ohne
daß wir einander vorgestellt waren –
in den schmerzhaften Ausruf aus:
Ja freilich, wen̄ man von Haus kom̄t,
hat man's gut. Da kan̄ man sich mit-
nehmen, was man will." Ich sah ihn
blos verächtlich an, blieb aber nicht
ungerührt durch die Huldigg für meine
Wirtin, die in seinem Irrtum ent-
halten war. Der Vorrat reichte that-
sächlich für zwei Malzeiten, Abendessen
u Frühstück u manche Reste ließ ich
noch auf dem Bahnhof zurück.

Kurz vor Tetschen öffnete ich meinen
Koffer, um mir Papier herauszusuchen
den̄ es war zu finster zum Lesen, zu
früh zum Schlafen u ich gedachte einen
ersten Entwurf der Psychologie, so gut
es ging, niederzuschreiben. Beim Kramen
im Koffer – was unter lebhaftester Auf-

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merksamkeit des Herrn Nachbarn geschah –
fiel mir etwas unbekan̄tes Hartes
in die Hände, ein Buch, das ich nicht
unterzubringen wußte, und bei weiterem
Tasten ahnten mir weitere Entdeckungen.
Die Besorgniß tauchte in mir auf, ich
würde nicht mit ruhigem Gewissen
dem „Finanzer" sagen können: Es
gehört alles mir"; und es dauerte
eine Weile, bis sich mir das Verständ-
niß für diese Funde aus der Annahm
einer hereditären Schmuggelanlage
ergab. Unterdeß muß ich ein recht
hilfloses Gesicht gemacht haben, den̄
der Nachbar sagte plötzlich: Behalten
Sie das Buch doch in der Hand, dan̄
wird er meinen, Sie lesen darin."
Das war mir zuviel, ich zog nicht
die Nothleine um den Zug halten
u meinen Dank durch
zu lassen den Conducteur ausdrücken zu
lassen, wie die Miss Mix in der

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lustigen Novelle von Hevesi, sondern dankte direkt und versicherte ihm, ich sei gar nicht in Verlegenheit. Von da an hatte ich Ruhe.

Er mußte das freigewordene Interesse dem „Alten" zuwenden, wenn dieser auf einer Station sichtbar wurde. „Er ist gegangen, sich ein Glas Bier kaufen für sechs Kreuzer", rief er einmal aus. Ein Herzog – und ein Glas Bier für sechs Kreuzer; er litt offenbar unter diesem Kontrast. Es konnte sich auf der Reise seitdem nichts Bemerkenswertes mehr ereignen.

Minna, die in der Stadt mein Gepäck aus seiner Ordnung zu bringen versuchte, behauptete, ich könnte es nicht selbst eingepackt haben. Ich erinnerte mich, daß sie recht hatte. Zu Mittag, nachdem ich gebadet und meine ärztliche Tätigkeit eingeweiht hatte, war ich dann auf Bellevue und fand Frau und Kinder umfangreich und wohlgenährt aussehend vor. Seitdem genieße ich noch den letzten Rest der schönen Ferienzeit in eitel Glück, unterbrochen durch üppige Eiterung. Ein liebes Telegramm am Nachmittag erschien dann wie eine Bestätigung meiner Erzählungen aus Berlin.

Ich grüße und danke Euch herzlich. Nächstens ein vernünftiger Brief.
Sigm

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Das Original dieses Briefes findet sich nicht im Konvolut der Freud-Fließ-Korrespondenz, das in der Library of Congress archiviert ist, sondern in der
Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem.
Siehe dazu: Freud, S. (1985). Zehn unveröffentlichte Briefe von Sigmund Freud an Wilhelm Fließ. Psyche – Z Psychoanal., 39:44-61.
Fußnote 1 von Gerhard Fichtner, Seite 48: "Das Original dieses Briefes befindet sich in der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem (Hinweis von Peter Swales)."

Pelasger: Sammelbezeichnung für Vorgriechische Bevölkerung
Erwähnung bei Homer in der Ilias (II, 681, 840ff) und Herodot (Historien:  II: 51ff, 56f; IV: 145, V: 26; VI: 136f)

Sammelbezeichnung für prähistorische Bevölkerung Griechenlands, auch als „Ureinwohner“ Griechenlands bezeichnet, zu den „Seevölkern“ zählend. In der Forschung kontrovers diskutiert (vorindogermanischer Ursprung oder gleicher Abstammung wie die Hellenen, kein homogenes Volk, den „Seevölkern“ zugerechnet, vermutlich nicht-griechische Sprache, in Kleinasien und auf dem Balkan sesshaft).

phoca (lateinisch: Seehund (Quelle: Pons)
Phokäer: griechisches Volk, in Kleinasien ansässig, unternahm viele Seefahrten und gründete Kolonien. Einwohner der antiken Stadt Phokaia (griechisch Φώκαια), auch Phokäa (von lateinischen Form Phocaea), auf dem Gebiet der heutigen türkischen Stadt Foça. Als die Stadt von den Persern bedroht wurde, bot ihr König Arganthonios von Tardessos an, sie in sein Reich aufzunehmen, was abgelehnt wurde worauf er Gold für den Bau einer Wehrmauer schickte. Die Stadt wurde von den Persern belagert. Freiheitsliebend zogen die Einwohner es vor, die Stadt zu verlassen, um nicht von den Persern unterworfen zu werden. Sie ließen sich auf ihren Kolonien nieder, unter anderem auf Korsika. (Herodot I: 163-167)

Ernst Günther von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, (* 11. August 1863 in Dolzig; † 22. Februar 1921); Bruder von Kaiserin Auguste Victoria, der Ehefrau von Kaiser Wilhelm II.

Carl Wilhelm Hermann Nothnagel (* 28. September 1841, Lietzegöricke, Mark Brandenburg - † 7. Juli 1905, Wien)
Deurtscher internits und Neurologe, der 1882 als Professor und Leiter an die 1. Medizinische Klinik der Universität Wien berufen wurde. Sigmund Freud praktizierte an seiner Abteilung 1882/83
Nothnagel verteidigte die Juden gegen Billroth. (Siehe dazu Schröter 1895, 141, Fußnote 5, in: Masson (Hg.), 1895)

Tetschen-Bodenbach: Stadt südlich von Dresden, heute Děčín in Tschechien.

Entwurf der Psychologie: Auf dieser Zugreise begann Freud die Niederschirft des manukripets, das – ohne Titel, heute als ›Entwurf einer Psychologie‹ bekannt ist.
>Freud, Simgund (1895-103/FE): [Entwurf eienr Psychologie]

Auf dieser Zugfahrt schreibt er hastig die ersten Seiten mit Bleistift nieder.

Buch: Vielleicht handelt es sich um das Buch, über das er im Brief vom 16.10.1895 an Fließ schreibt: „Der Jacobsen (N. L.) hat mir tiefer ins Herz geschnitten als irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre. Die letzten Kapitel anerkenne ich als klassisch.“ Jacobsen, Jens Peter (1888): Niels Lynhe, deutsche Übersetzung 1889. Im 12. (drittletzten) Kapitel wird die Vereinsamung des Titelhelden beschrieben.

Finanzer: Zollbeamter

Conducteur: Schaffner, Zugbegleiter

Ludwig Hevesi [ungarisch: Lajos Hevesi], auch "Onkel Tom": Pseudonyme für:
Ludwig Hirsch [ungarisch: Lajos Lövy] (* 20. Dezember 1843 in Heves, Ungarn; † 27. Februar 1910 in Wien). Ungarisch-österreichischer Schriftsteller, Journalist, bedeutender Kunstkritiker, Verfasser von Reisegeschichten jüdischer Herkunft. Von ihm stammt der Wahlspruch auf dem Portal der Wiener Sezession „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit". 

Freud zitiert zwei Witze von Hevesi in:  (1905c): Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. GW 6, 47
Hevesi, Ludwig (1888): Almenaccando. Reisen in Italien. Bonz: Stuttgart

GW 6, 236

Im originalen Brief steht: „versuchtete“. (Siehe dazu Schröter 1895, 141, editorische Fußnote a, in: Masson (Hg.) (1985)