S.

Wien, 28.4.97

Theurer Wilhelm

Heute Nacht hatte ich einen Traum[1], der sich auf Dich bezog. Es war eine telegraphische Nachricht über Deinen Aufenthalt:
„(Venedig) Via Case Secerno“
                   Villa

Die Darstellung gibt an, was undeutlich und was multipel erschien. Secerno war am deutlichsten. Meine Empfindung dabei Ärger, daß Du nicht hingegangen bist, wohin ich Dich empfohlen: Casa Kirsch[2].

Motivenbericht. Anlaß dazu aus Ereignissen des letzten Tages. Herzig[3] war da und berichtete von Nürnberg, daß er es sehr gut kenne und dort am Preller gewohnt. Ich erinnerte mich nicht gleich, fragte dann aber: »Also außerhalb der Stadt.« Dieses Gespräch regte ein Bedauern der letzten Zeit an, daß ich Deinen Aufenthalt nicht weiß und keine Nachricht von Dir habe. Ich wollte Dich nämlich zu meinem Publikum machen, Dir einige Erfahrungen und Erkenntnisse der Arbeit mitteilen\ wagte es aber nicht, die Notizen ins Ungewisse zu schicken, da ich Dich hätte bitten müssen, sie mir als wertvolles Material zu verwahren. Somit ist es eine Wunscherfüllung[4], wenn Du mir Deinen Aufenthalt telegraphierst. Hinter dem Wortlaut des Telegramms steckt mancherlei: Die Erinnerung an die etymologischen Genüsse, die Du mir vorzusetzen pflegst, die Anspielung an das »außerhalb der Stadt« bei H[erzig], aber auch Ernsteres, was mir bald einfiel. Als ob Du immer etwas Besonderes haben müßtest, sagt der Ärger; und dazu kommt erstens, daß Du am Mittelalter so gar kein Vergnügen finden konntest, und ferner die fortwirkende Reaktion auf Deinen Abwehrtraum, der den sonst gebräuchlichen Vater durch den Großvater ersetzen wollte. Dabei, daß ich mich beständig quäle, wie ich Dir den Fingerzeig zukommen lassen soll, daß Du erkundest, wer I. F. in ihrer Kindheit »Katzel« genannt hat, wie sie Dich jetzt nennt. Da ich in Sachen der Väter[5] selbst noch zweifelhaft bin, wird meine Empfindlichkeit begreiflich. Der Traum sammelt also den in mir unbewußt vorhandenen Ärger gegen Dich.

Übrigens bedeutet der Wortlaut noch mehr:

Via (Straßen von Pompeji, die ich studiere),
Villa (Böcklins Römische Villa),

also unsere Reisegespräche, Secerno klingt mir ähnlich wie Salerno neapolitanisch-sizilianisch. Dahinter Dein Versprechen eines Kongresses[6] auf italischem Boden.

Die komplette Deutung fiel mir erst ein, nachdem ein glücklicher Zufall mir heute vormittag eine neue Bestätigung der paternellen Ätiologie[7] zugeführt hatte. Ich habe gestern eine neue Kur mit einer jungen Frau begonnen, die ich aus Zeitmangel eher abschrecken möchte. Sie hatte einen Bruder, der geisteskrank gestorben ist, und ihr Hauptsymptom - Schlaflosigkeit - trat zuerst auf, als sie den Wagen mit dem Kranken aus dem Haustor in die Anstalt wegfahren hörte. Seither Angst vor Wagenfahren, Überzeugung, daß ein Wagenunglück geschehen werde. Jahre später scheuten während einer Spazierfahrt die Pferde, sie benutzte die Gelegenheit, aus dem Wagen zu springen und sich einen Fuß zu brechen. Heute kommt sie und [beichtet], daß sie viel an die Kur gedacht und ein Hindernis gefunden habe. Welches? - Mich selbst kann ich so schlecht machen, als es sein muß, aber andere Personen muß ich schonen. Sie müssen mir gestatten, keine Namen zu nennen. - An Namen liegt es wohl nicht. Sie meinen die Beziehung zu Ihnen. Da wird sich wohl nichts verschweigen lassen. - Ich meine überhaupt, ich wäre früher leichter zu kurieren gewesen als heute. Früher war ich arglos, seither ist mir die kriminelle Bedeutung mancher Dinge klar geworden, ich kann mich nicht entschließen, davon zu sprechen. - Ich glaube umgekehrt, das reife Weib wird toleranter in sexuellen Dingen. - Ja, da haben Sie recht. Wenn ich mir sage, daß es ausgezeichnete, edle Menschen sind, die sich solcher Dinge schuldig machen, muß ich denken, es ist eine Krankheit, eine Art Wahnsinn, und muß sie entschuldigen. - Also sprechen wir deutlich. In meinen Analysen sind es die nächststehenden, Vater oder Bruder, die die Schuldigen sind. - Ich habe nichts mit einem Bruder. - Also mit dem Vater.

Und nun kommt heraus, daß der angeblich sonst edle und achtenswerte Vater sie von 8-12 Jahren regelmäßig ins Bett genommen und äußerlich gebraucht [hat] (»naß gemacht«, nächtliche Besuche). Sie empfand dabei bereits Angst. Eine sechs Jahre ältere Schwester, mit der sie sich Jahre später ausgesprochen, gestand ihr, daß sie mit dem Vater die gleichen Erlebnisse gehabt. Eine Kusine erzählte ihr, daß sie mit 15 Jahren sich der Umarmung des Großvaters zu erwehren hatte. Natürlich konn[t]e sie es nicht unglaublich finden, als ich ihr sagte, daß im frühesten Kindesalter ähnliche und ärgere Dinge vorgefallen sein müssen. Es ist sonst eine ganz gemeine Hysterie mit gewöhnlichen Symptomen.

Quod erat demonstrandum.

[Grußworte und Unterschrift fehlen bei diesem Brief]

 

[Vorläufige editorische Anmkerungen

[1] Dieser Traum findet sich in der Traumdeutung, GW 2/3, Kapitel VI, auf Seite 322

[2] Pension in Venedig, in der Freud übernachtete.

[3] Josef Herzig (25.9.1853 in Saniok, Galizien, Österreich-Ungarn; † 4.7.1924), österreichischer Chemiker, 1897 Professur an der Universität Wien, 1902 Lieben-Preisträger, mit Sigmund Freud befreundet.

[4] Siehe: Die ›Traumdeutung‹ (1900a), Kapitel 3, ›Der Traum als Wunscherfüllung‹.

[5] Anspielung auf die Verführungstheorie (Vater als Täter)

[6] Freud und Fließ nannten ihre Treffen, bei denen sie wissenschaftlichen Fragen austauschten,  „Congresse“ und Freud schlug Fließ vor, eines dieser Treffen in Italien abzuhalten.

[7] Siehe Fußnote 5