• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    6. Nov 98
    Theurer Wilhelm

    Infolge der geheimen biologischen
    Sympathie, von der Du oft gesprochen
    hast, haben wir um ähnliche Zeit
    das Messer des Chirurgen in
    unseren Leibern verspürt, und
    an genau den nämlichen Tagen gestöhnt
    oder gewim̄ert vor Schmerzen; ich
    vor geringeren, offenbar weil
    ich größere nicht aushielte, wie
    mir die Probe gezeigt hat. Ich
    habe gelernt, daß es hier ein Empfindungs-
    gebiet giebt so reich und mannigfaltig
    in seinen Elementen u Zusam̄ensetzungen
    wie das der Töne oder Farben, indeß
    ist wenig Aussicht, dieses Empfindungs-
    material in ähnlicher Weise zu ver-
    werten; es tut zu weh.

    Bei mir war es ein zuletzt eigroßer
    Furunkel an der Raphe Scroti, der
    mich an die Verwandtschaft mit Dir

  • S.

    erinnert hat. Ich habe dabei den ganzen
    Tag gearbeitet. Die Zahl der Patienten
    ist im̄er noch im Zunehmen; liebens-
    würdig sollte man sein, überlegen
    witzig, originell, u das ging um die
    Zeit ziemlich hart.

    Seit gestern geht es mir gut oder
    gehe ich gut, u ich habe Grund
    anzunehmen, daß mit Dir dieselbe
    Veränderung vor sich gegangen ist.
    Ich hoffe nun bald von Dir zu hören,
    daß Dein neuerlicher energischer
    Entschluß Dir die gewollte Besserung
    wirklich gebracht hat. Auch weiß
    ich, daß nach einer Leidenszeit eine
    neue große u schöne Entdeckung
    von Dir zu erwarten ist.

    Deiner lieben Frau u Pflegerin
    meinen allerherzlichsten Dank
    Die Kinder muß ich einmal sehen
    und wiedersehen.

    Nun rasch vorwärts
    Dein Sigm