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    [NEUROLOGISCHES CENTRALBLATT.
    Uebersicht der Leistungen auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie
    und Therapie des Nervensystems einschliesslich der Geisteskrankheiten.
    Hereusgegeben von
    Professor Dr. E. Mendel
    in Berlin

    Fünfter Jahrgang.
    Monatlich erscheinen zwei Nummern. Preis des Jehrgengee 16 Mark. Zu beziehen durch
    alle Buchhnndlnngen des In- und Auslandes, die Postanstalten des Deutschen Reichs,
    sowie direct von der Verlagsbuchhndlung.
    1886. 15. März. No. 6.]

    [...]

    I. Originalmitteilungen.

    Ueber die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang
    und Hinterstrangskern nebst Bemerkungen über zwei Felder
    der Oblongata.

    Von Dr. L. Darkschewitsch (Moskau) und Dr. Sigm. Freud (Wien).

    Die Anssichten der Hirnanatomen über den Zusammenhanf zwischen Strick-
    körper oder unterem Kleinhirnschenkel und den Hintersträngen des Rückenmarks

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    haben eine Enhviekelung durchgemaeht, in welcher man drei Verschiedene Perioden
    unterscheiden kann. '

    In einer ersten Periode wurde auf Grund des makroskopischen Anscheins
    der Strickkörpér für die direete Fortsetzung der Hinterstränge zum Kleinhiru
    gehalten. Mit dem Fortschritt der mikroskopischen Untersuchung gelangte aber
    die Thatsache zur Bedeutung, dass in der angeblichen Continuität von Strick-
    körper und Hinterstrang eine mächtige graue Masse, der (aus Burdach’schem
    und Goll’schem Kern zusammengesetzte) Hinterstrangskern enthalten ist. Man
    erkannte (Dmrnas, Museum), das dieser Kern in Beziehung zu den Hinter-
    strängen steht, und dass in den Strickkörper andererseits Fasern von complicirtem
    bogeniörmigem Verlauf eintreten. Der Zusammenhang zwischen beiden weissen
    Fasermassen wurde deshalb fiir einen nur indirecten erklärt, und sollte nach
    Mnrmr in der Weise stattfinden, dass die Fasern des einen Strickkörpers
    vermittelst Bogenfasern in die (geheuzte) Olive eingehen und von dort aus
    durch neue Bogenfasem zum Hintentrangskern der dem Strickkörper entgegen-
    gesetzten Seite gelangen.

    Eine dritte Periode wurde durch die Verwerthung der ungleichzeitigeu
    Markscheidenbildung eingeleitet, als Fuer;er einerseits die directe Kleinhirn—
    seitenstrangbahn als Bestandtheil des Strickkörpers nachwies, andererseits zeigte,
    dass die Bogenfasern aus den Hinterstrangskernen nicht in die Olive, sondern
    durch die sog. obere Pyramidenkreuzung in das innere Feld der Oblongata ver-
    laufen und daselbst die Olivenzwischenschichte bilden. Enmenn‘ hat: später
    für die Bogenfseern, die aus dem Hinterstrangskern in höheren Ebenen der
    Oblongata entspringen, ein ähnliches Verhalten dargethan. Damit war aus dem
    Msmnnr’sehen Schema das Mittelglied, welches die Verbindung zwischen Strick-
    körper der einen und Hinterstrang der anderen Seite bewerkstelligen sollte,
    heransgerissen, die Verbindung der Hinterstringe mit dem Kleinth aber auch
    ganz oder zum grossen Theile verloren gegangeri, wie eine Uebersicht der seit
    Anwendung der neuen Methode gemachten Angaben lehrt.

    Nach EDINGEB‘ besteht der untere Kleinhirnschenkel aus a) der Kleinhim-
    seitenstrangbahn, b) Hinterstrangsfaeern, sicher aus dem gleichseitigen, fraglich
    auch aus dem gekrenzten Hinterstrang‚ c) Fasern zu den N ervenwurzeln (Acusticus
    und Trigeminus), d) Olivenfasem und vielleicht noch anderen später markhaltig
    werdenden Systemen. Die Hinterstrangst'asern von derselben Seite sollen als
    kurze Fibrae arciformes extemae aus dem Goll’schen Strang kommen, die frag—
    lichen Fasern aus dem gekreuzten Hinterstrang als Fibrae arcuatae anteriores
    wahrscheinlich aus der Olivenzwischenschicht in das Feld des Strickkörpers ein-
    treten. Der Antheil der Hinterstrangsfasern am Aufbau des Striekkörpers wäre
    ein geringer.

    FLEOHSIG° unterscheidet im Strickkörper ausser der Kleinhirnseitenstrang—
    bahn und den Fasern zu den grossen Oliven noch Fasern zur Substantia. reticularis.

    ‘ Dieses Centmlhlntt. 1885. Nr. 4.
    ’ l. c. und, ‚Zehn Vorlesungen über den Bau der nervösen Centralorpne.“ 1885.
    ' Plan des menschlichen Gehirns. 1888.

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    Die Beziehungen des Strickkörpers zum Hinterstrang lässt er im Dunkeln. In
    einer späteren Mittheilung' bestätigt er Enmena's Sizickkörperzuwachs aus der
    Olivenzwischenschioht‚ bezweifelt aber noch das regelmässige Vorkommen solcher
    Fasern, ebenso wie die Bedeutung der aus dem Goll’sohen Strange kommenden
    kurzen Bogeni'asern zum Strickkörper. Er macht dann die wichtige Bemerkung,
    dass auf Grund der Verfolgung der Markscheideubildung im Stricklrörper ein
    weiteres Fasersystem anzunehmen sei, welches nach der Kleinhirnseitenstrang-
    bahn und vor den Oliveufasem markhaltig wird und vielleicht den Kernen der
    . Hinterstränge-entstammt. Doch sei er hierüber nicht in’s Klare gekommen.

    Zur gleichen Vermuthung ist v. Monmow' auf Grund der experimentell
    erzeugten Degeneration des Strickkörpers gelangt. Er findet die Abnahme des

    \ Corpus restiforme in höheren Ebenen bedeutender, als dem Ausfall der Klein--
    himseitenstrangbahn entspricht, und nimmt an, dass Fasern aus dem Keil-.
    strang derselben Seite, die sich in’s Corpus restiforme fortsetzen, den vermissten
    Bestandtheil desselben bilden. Später ist. v. Monaxow allerdings von dieser
    Vermuthung zurückgekommen (8. dieses Centralblatt. 1885. Nr. 6).

    Wir sind nun auf Grund unabhängig von einander angestellter Unter-
    suchungen dazu gelangt, das von F1.ncnsre vermuthete Fasersystem nachzu-
    weisen nnd damit die von Mamma: behauptete ausgiebige Verbindung der
    Hinterstränge mit dem Kleinhirn wiederherzustellen. Als wir die vollkommene
    Uebereinstimmung unserer Ergebnisse bemerkten, haben wir beschlossen, davon
    in gemeinsamer Publication Mittheilung zu machen. Unser Material bestand
    in zwei Querschnittsreihen, einer von einem 6monatlichen Fötus, in dessen
    Oblongata die Olivenfaserung ganz marklos war, und auch das Mark der Oliven-
    zwischenschicht in der Höhe des Corpus trapezoides aufhörte (Reihe 1), und
    einer anderen von einem Fötus nicht genau bekannten Alters, bei welchem
    Olivenfaserung und Pyramiden einen sehr zarten Markgehalt zeigten (Reihe 11).

    Fig. 1 stellt den Strickkörper in den unteren Acusticusebeneu nach Pr?»
    paraten der reiferen (II) Schnittreihe dar. Er besteht aus einer centralen (mit

    Fig. 1_.
    Schema des Stricklrörpers in den unteren Acnstisnsebenonz

    : Kopf des primären Strichörpera.
    ? Schweif des primären Strickkörpers.

    3 Markarmer Saum (seoundirer Strickkörper).

    Goldch10rid und Weigert’schem Hämatoxylin) dunkler gefärbten Masse, die an
    den Präparaten der Reihe 1 allein ersichtlich ist, und einem lichteren Saum,

    ‘ Dieses Centralblatt. 1885. Nr. 5.
    ' Experimenteller Beitrag zur Kenntniss des Corpus reatlforme. des „äusseren Acnsticus-
    keines" und deren Beziehungen zum Rnckanmarke. Arch. f. Psyeh. 1888. XIV.

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    welcher der reiferen Reihe allein zukommt.. Die centrale Masse wollen wir den
    „primären Strickkörper“ heissen; derselbe hat die Gestalt eines Kommas mit.
    dickem Kopie und daran gesetztem Schweiß Den markarmen Saum bezeichnen
    wir als „secundären“ Strickkörper. Eine Verfolgung von oben nach abwärts
    (spinalwärts) ergiebt nun nachstehende Aenderungen dieses Querschnitts und
    Vertheilung seiner Fasern.

    1) Sobald die den Strickkörper aussen bedeckendegraue Substanz (des
    Acusticus) geschwunden ist, geratheu die Fasern des Baumes in Bewegung. Sie
    treten derart nach innen, dass sie ein zwischen Trigeminusquerschnitt, Deiters’-
    sohem Kern und Strickkörper gelegenes, in der Reihe 1 leeres Feld erfüllen,
    und verlaufen von dort aus in dicken Büscheln theils durch, theils vor und
    hinter dem Trigeminus gegen und über die Mittellinie; dabei lösen sich die den
    Kopf des primären Strickkörpers bedeckenden Bündel zuerst ab, so“ dass in den

    Fig. 2.

    \“ “.‘_\':'*.\\\\\/— \
    Querschnitt in den oberen Ebenen des Deiters’ sehen Kernen (Reihe 11):
    1 Kopf des primären Strickkörpers, in dem Klümpehen grauer Substenz aufl;reten (aus tieferen
    Ebenen eingezoichnet).
    ? 8ebweif desselben.
    .? Secundirer 8trlckkörper (Olivensystem) in Ablösung begrifl'en.
    7 Anfeteigende Trigeminuswursel.
    VIII Deiters’scher Kern mit der aufsteigenden Aoustieuswurzel (Rennen).
    IX Aufeteigende Wurzel des Vagussystems.

    unteren Ebenen des Dmns’schen Kemes noch ein Saum an der Aussenseite
    des Schweifes vorhanden ist (Fig. 2). Diese markarmen Fasern, über die wir
    weiter nichts zu sagen haben, sind das Olivensystem der Autoren.

    2) Wenn der Deiters’sche Kern verarmt ist, tritt im Kopfe des primären
    Strickkörpers graue Substanz in zerstreuten Inseln auf, die dann zu einem Kern
    zusammenfliesst und rasch den Kopf des Kommas — und zwar nur diesen
    allein — bis auf vereinzelte, an verschiedenen Stellen erübrigende Faserbündel

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    aufzehrt. FA ist leicht, sich zu überzeugen, dass die Abnahme des Striokkörpers
    in diesen Ebenen nur durch den Kern herbeigeführt wird, denn die Gestalt und
    Lagerung des Schweifes ist unverändert, und ein Ablenken von» Fasern gegen
    den Kleinhimseitenstrang noch nicht zu bemerken (Fig. 3).

    Dieser Kern ist aber nur das obere Ende des Hinterstrangkernes (resp.
    Burdsch’schen Kernes). Da dieser Punkt für die Auffassung der fraglichen
    Verhältnisse von grosser Wichtigkeit ist, haben wir uns durch continuirliohe
    Verfolgung von unten nach aufwärts überzeugt, dass in der betreffenden Gegend
    kein abzugrenzender neuer Kern auftritt, sondern nur der Burdach’sche sich
    vergrössert und nach aussen rückt. Als Anhaltspunkt bei dieser Verfolgung
    dient besonders das dem Trigeminus nächste Bündel der Hinteretränge, welches

    \ in seinen Resten eine Hufeisenform hat und erst“- hoch oben verloren geht. Die

    Fig. 8.

    7:-:»(7 & °

    Querschnitt in den unterer:— Ebenen des Deiters’sohen Kernes (Reihe 11):
    Die Bezeichnungen dieselben wie in Fig. 2. An Stelle des Kopfes vom primiren Strick-
    körper ist der Kern 1' getreten.

    in Rede stehende graue Substanz ist übrigens niemals anders, denn als zum
    [ Hinterstrangskern gehörig beschrieben werden; nur ancmr, der überhaupt
    nicht verfehlt, auf directe Beziehungen des Strickkörpers zur „Hinterstrangs-
    anlage“ aufmerksam zu machen, spricht von einem „Kern des Strickkörpers“.
    Einige Faserbündel vom Kopf des primären Strickkörpers steigen weit im
    Hinterstrangskern herab, andere vom Saum der Burdach'sohen Stränge eine
    lange Strecke im Kerne auf, doch konnten wir nicht nachweisen, dass Fasern
    aus dem Hintsrstrange direct in den Strickkörper übergehen. Wir sehen an
    unseren Präparaten vielmehr, dass die mittleren Höhen des Kemes keine Ein-
    lagerung vertioal verlaufender Fasern enthalten.
    Alsbald nachdem der Kopf des Kommas durch den Kern ersetzt ist, be-
    ginnt der letztem, Bündel von Bogenfasem zu entsenden, welche zwischen dem

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    —126—

    Trigeminusdurchschnitt und dem solitä.ren Bündel, auch über dem letzteren,
    verlaufen. Diese Fasern (oberes Bogenfasersystem des Hinterstrangkernes) haben
    keinen Zusammenhang mit den Oliven und lagern sich, wie Emmen (L e.)
    abgebildet hat, im jenseitigen Innenfeld der Oblongata‚ dorsal von der eigent-
    lichen Olivenzwischenschicht ab. Nach ihnen folgt in den Präparaten der
    Reihe I eine deutliche Lücke in der Bogenfaserung; das ganze Mittelstück des
    Kernes entsendet keine Fihrae arcuatae. In Reihe II sind die Bogenfasern
    durch die ganze Höhe des Kemes
    Fig. 4. continuirlich, die Lücke also durch
    — , ein neues (mittleres) System von
    Bogenfasem ausgefüllt. Da in
    Reihe II die Oliven bereits Mark-
    fasem enthalten, können wir die
    Beziehung des mittleren Systems
    zu den Oliven nicht, wie die der
    beiden anderen, ausschliessen.
    Doch ist diese Beziehung unwahr-
    scheinlich. Dies mittlere System
    der Bogenfasern ist auch in höherem
    Grade als die sonstige Olivenfase-
    rung markhaltig.

    Es ist hier die Möglichkeit
    zu behandeln, dass der Kopf des
    primären Strickkörpers sich direct
    „;;z;_, in die Bogenfasern des oberen (und
    “" mittleren?) Systems fortsetzt, ohne

    mit den zelligen Elementen des

    "»—__„‚« ' Kemes, den er durchzieht, in Ver—

    0 bindung zu treten. Unsere Metho-
    Querschnitt durch die „obere Pyramidenkrenzung‘ den waren unzureichend, diese
    (Reihe 11): Frage in verbindender Weise zu
    4 Rest des Goll’schen Stranges. lösen, doch haben wir einige An-
    6 Rest des Burth schen Stranges. haltspunkte, sowohl allgemeiner

    c, c, c, Fasern aus oberer Pyramidenkreuznn _
    ‚um Strickkörper. 8 Natur, als in dem besonderen Ver-

    d Kleinhimseitenstrang. halten der betreffenden weisen und
    « Obere Pyramiden-(Schleifen-)Kreuzung. grauenSuhstanzen,um die erwähnte
    Möglichkeit für sehr unwahrschein-

    lich zu erklären und eine Verbindung sowohl der Strickkörperfasern, als der Bogen-
    fasern mit den Zellen des Kernes anzunehmen. Die Gründe der ersten Art
    sind: die Analogie mit dem unteren Stück der Hinterstrangskerne, welches nach
    den Ergebnissen der secundären Degenerationen unverkennbar zwischen den
    Fasern der Hinterstränge und den Bogenfasem zur Olivenzwischenschicht ein-
    geschaltet ist, und der Umstand, dass für den so hoch hinaufreichenden Kern
    Verbindungen anderer Art nicht nachzuweisen sind. In directer Weise

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    —127——

    sprechen zu Gunsten unserer Annahme: das rasche Verschwinden der Fasern
    vom Kepf des Strickkörpers bei suocessiver Entsendung der Bogenfaserbündel,
    das Zusammenfallen der Bogenfaserbildung mit dem Auftreten dieses Kerns,
    und die Art, wie die Bogeufasern in Bücheln aus besonderen Abtheilungen im
    Hinterstrangskem hervorgehen.

    3) Der Hinterstrangskem nimmt nun nach unten immer mehr zu, drängt
    den Rest des Striekkörpers zur Seite und erst jetzt sieht man auch den Schweif
    des primären Kommas abnehmen und sich durch Schrägsehnitte mit dem Felde
    der Kleinhirnseitenstrangbahn verbinden.

    Fig. 5.

    Schema des Hinteratrangakerues und seiner
    Verbindungen:

    A Burdaeh’scher Kern.

    B Goll’scher Kern.

    1 Kopf des primären Striekkörpers.

    ? Schweif desselben.

    3 Secundirer Strlekkörper (Olivensystem).

    a Faser aus unterem Bogenfasersystem

    a‘}zum Striekkörper der anderen Seite.

    b unteres Bogenfasersyatem (obere Pyra-
    midenkreuzung) zur Olivenzwischen-
    schichte.

    (: mittleres Bogenfseersystem.

    d oberes Bogenfaseruystem.

    »; Fasern aus Goll’schem Strang (Fibrae
    arouatae externes).

    ' Kr Kleiuhirnseitenstrangfaser.

    aK Aeusserer Keilstrang (Armfaseru).

    iIL’ Innerer Keilstraug (Beinfaseru).

    4) Endlich überzeugt man sich, dass in die erste Anlage des Strickkörpers
    Fasern eingehen, welche in den Ebenen, wo noch die Marksäume der Hinter-
    sträuge bestehen, aus der oberen Pyramidenkreuzung („unteres Bogenfasersystem
    des Hinterstrangskemes“) kommen und durch die eigentliche Olivenzwischenschicht
    um die Peripherie des Schnittes und über die Kleinhirnseitenstmngbahn ver—
    laufen (Enneenn’s Fibrae arcuatae anteriores) (Fig. 4).

    Wir haben im Vorstehenden einfache und leicht zu controlirende Verhält-
    nisse des Faserverlaufs beschrieben. Wenn der Zusammenhang des Kopfes vom
    primären Strickkörper mit dem Kern der Hinterstränge Beobachten, denen die
    gleichen Präparate vorlegen, bisher nicht klar geworden ist, so mag dies daher
    kommen, dass man sich beim Studium des Gehimbaues allzusehr daran ge-
    wöhnt hat, nach Fortsetzunan von Faserbündeln, und zwar nach je einer
    Fortsetzung für ein bestimmtes Faserbündel zu suchen, und die grauen Sub-
    stanzen erst in zweiter Linie zu berücksichtigen. Wir halten es fiir correcter,
    von den grauen Substanzen auszugehen und die von ihnen nach verschiedenen
    Richtungen ausgehenden Fasermassen aufzusuchen. Welche dieser Fasermassen

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    die „Fortsetzung“ einer anderen ist, scheint uns keine anatomische Frage mehr
    zu'sein und sich der Lösung durch rein anatomische Methoden im Allgemeinen
    zu entziehen. Darüber müssen das Experiment, die klinisch-pathologische Be-
    obachtung und die durch die secundäre Degeneration enthüllten Beziehungen
    Aufschluss bringen.

    In Fig. 5 haben wir demgemiiss versucht, ein Schema des Hintemtrangs-
    kernes mit den von ihm ausgehenden Fasersystemen zu geben. Man ersieht
    aus demselben, dass der Hinterstrangskern einer Seite mit den langen Fasern
    der Hinterstränge, mit dem Kopf des primären Strickkörpers derselben Seite,
    mit einem Faserantheil im Rest des primären Strickkörpers der anderen Seite
    und mit drei Systemen von Bogenfasem, die im Innenfeld der Oblougata der
    gebauten Seite verlaufen, zusammenhäugt. Durch den Kopf des primären
    Stricklrörpers ist die Möglichkeit einer (vorwiegend ungeheuzteu) Verbindung
    der Hinterstränge mit dem Kleinhirn gegeben, während an die Systeme der
    Bogenfasem in späteren Stadien der Markentwickelung die (geheuzte) Gross-
    hirnverbindung anknüpft. Wir haben dabei vorwiegend den grösseren Burdach’—
    schen Kern berücksichtigt, dessen Fasersysteme denen des Goll’schen Kemes
    in der Entwickelung voraneilen. Vom Goll’schen Kern konnten wir an unseren
    Präparaten“ nur «fie Fasern des unteren Bogensystems (Schleifenkreuzung, nach
    Reihe II) und Enmenn’s Fibrae arcuatae externes wahrnehmen, von denen wir
    eben so wenig wie Fr.ncnsre angeben können, ob sie zum Kleinhirn verlaufen.
    Doch vermuthen wir, dass die. später entwickelten Fasersysteme des Goll'schen
    Kemes sich denen des Burdach’schen analog verhalten werden, da man die
    beiden Kerne als analoge Bildungen (den Burdaeh’schen für die obere,
    den Goll’schen für die untere Extremität) bezeichnen darf.

    Es mögen noch einige Bemerkungen über die Deutung zweier Felder der
    Oblongata hier Platz finden:

    Das äussere Feld der Oblongata lässt eine einheitliche Auli‘assung seiner
    Bestandtheile zu: Vom Rest des primären und vom seoundiren Strickkörper
    abgesehen, enthält dasselbe vier graue Substanzen mit den von ihnen ausgehen-
    den Fasersystemen. Die äusserste dieser grauen Substanzen _ der Hinten
    strangskem — ist ein umweifelhaft sensibler Kern für die Nerven der Extremi-
    täten, die drei andern sind Kerne, von denen homelcge Antheile der sensibeln
    Himnerven entspringen, und zwar die aufsteigende Trigeminuswurzel aus der
    Substantia gelatinosa, wie wir gegen errmmrw (vgl. dieses Centralbl. 1885.
    Nr. 16) festhalten, müssen, die gemeinsame aufsteigende Wurzel des Vaguasystems
    aus der ihr eigenen grauen Substanz, und die aufsteigende Acustieuswurzel
    Ronnen’s aus dem Deiters’schen Kern. Angesichts des von verschiedenen
    Seiten, besonders auf Grund experimenteller Degenerationen, gegen die Existenz
    dieser Acusticuswurzel erhobenen Einspruchs, haben wir diese Frage neuerdings
    studirt und müssen mit noch grösser-er Entschiedenheit als Rennen1 selbst dafür
    eintreten, dass die im Deiters’sohen Kern enthaltenen, daselbst entstandenen, so

    ' Arch. !. Psych. 1888. XIV. — Vgl. auch die Mittheilung des einen von uns (F.)
    „Zur Kenntniss der Olivenzwischenachicht." Dieses Centralbl. 1885. Nr. 12.

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    — 129—

    mdmissig gruppirten Fasern durch einfache Umbeugung in den N. acusticus
    übergehen und ihm eine aufsteigende Wurzel in demselben-Sinne, wie die-beiden
    anderen Hirnnerven eine solche besitzen, zufdhren. -

    Das innere durch die Raphe und den Hypoglossus begrenzte Feld der
    Oblongata enthält _in den Entwickelungsstadien unserer beiden Schnittreihen
    nebst dem hinteren Längsbündel Lingefasern, welche durch Fibrae arcuatse
    aus den Kernen des äusseren Feldes der geheuzten Seite hervorgegangen sind.
    Dabei lagert sich das untere Bogenfasersystem des Hinterstrangkernes im ven-
    tralsten _Theil des Innenfeldes als eigentliche Olivenzwischenschicht ab, das
    (mittlere und) obere Bogenfasersystem desselben Kemes nimmt den mittleren
    Theil des Feldes ein, die Bogenfasern aus dem Acusticus — und Vaguskern
    des äusseren Feldes der Oblongiv.ta bilden die dorsalsten vom hinteren Längs-
    bündel kaum mehr abzugrenzenden Fasern.

    Soweit nun die Längsfasern des Innenfeldes der Oblongata aus den er-
    wähnten Kernen der geheuzten Seite hervorgegangen sind, halten wir folgenden
    Verlauf „derselben für wahrscheinlich. Sie scheinen Fasern von kurzem Verlauf
    zu sein und theils nach oben, theils nach unten hin in Bogenfasern umzubiegen.
    Ihre Endignng finden sie entweder in den grauen Massen des inneren und
    mittleren Feldes der Oblongata (Substantia reticularis), theils in den sensiblen
    Kernen des Aussenfeldes. Die Bogenfasersysteme nebst den Längsfasern, welche
    aus ihnen hervorgehen, würden demnach geheuzte Verbindungen der sensibeln
    Kenia der Oblongata mit einander und mit der Substantia reticularis darstellen.
    Die hinteren Lingsbündel würden sich ihnen als.analoge Bahnen, von motorischen
    Kernen ausgehend, anreihen. Wir vermuthen, dass die Grosshirnforteetzung der
    sensibeln Kerne' an die Endignng der erwähnten Systeme in der grauen Sub-
    stantia reticularis anknüpit.

    Paris, 23. Januar 1886.

    II. Referate.

    Anatomie.

    1) Zwei 18110 von Ueberbrliekung der Oentralt'urche, von]!jaschkow.
    (Mitgetheilt u. demonstrirt in der Octobereitzung der-St. Petersburger psychiatr.
    Gesellschaft 1885. Russisch.)

    Unter 85 Sectionen, die wihrend 1884—85 an der Irrenansinlt „aller Dnldenden“
    (zu St. Petersburg) ausgeführt wurden, boten zwei die bezeichnete Anomalie der
    Rolendo' schen Furche.

    Ein Gehirn stammte von einem 28thngen, an der Schwindsucht verstorbenen,
    mit secundlrem Schwachsinn behafteten Hanne, der in der Pubertltsperiodean einer
    weten Psychose erkrankt war. Das Gehirn war im Ganzen normal entwickelt; nur
    fand sich an der rechten Hemisphflre im oberen Drittel der Centralfurche eine letztere
    vollständig überbrlickende Uebergengswindung, durch welche beide Gentrslvrindungen
    vereinigt wurden. Aufwirts von dieser Uebergangswindung setzte sich die Central-
    Nrche weiter fort, um, wie gewöhnlich, an der medialen Oberfläche der.Hemisphlre
    zu enden.