Christine Diercks, 2021-12-08

Grundvoraussetzungen

Die ›Sigmund Freud Edition. Historisch-kritische Gesamtausgabe aller Schriften von Sigmund Freud‹ (FE) ist eine primär digitale Edition und als solche ist sie auch „dadurch bestimmt, dass sie die allgemeinen Anforderungen an eine wissenschaftliche Edition durch die Berücksichtigung der gegenwärtigen technischen Möglichkeiten und ihrer methodischen Implikationen erfüllt. Sie folgt einem 'digitalen Paradigma'." (Sahle, 2013, 2, 148)

Ausgangspunkt für alle Zitierformen, Registerauszeichnungen, Anmerkungen und Querverweise ist daher die digitale Version des jeweiligen kritisch edierten Werkes; wobei hier von einem Werkbegriff ausgegangen wird, der in vielem den Functional Requirements for Bibliographic Recording (FRBR) folgt, die – der Logik bibliografischer Datensätze folgend – von vier Entitäten (work, expression, manifestation, item) ausgehen. (IFLA, S. 4) Diese Entitäten finden in der kritischen Neuerschließung des Werkes explizit Berücksichtigung und bilden die Grundstruktur der Edition (siehe dazu Diercks, Blatow, 2020).

Das einzelne Werk in seinen Manifestationen und seiner kritisch edierten Textfassung ist mit den anderen Werken und dem Briefœuvre strukturell über ein eigenes Signatursystem verbunden, aus dem sich Werkverzeichnis und Gesamtbibliografie generieren; inhaltlich verbunden sind die Werke und das Briefœuvre miteinander über Register, Anmerkungsapparat und Querverweise.

Offenlegung der Editionsrichtlinien, Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit der Textkonstitution, stabile Textgrundlagen, sowie verlässliche Referenzierbarkeit und Zitierfähigkeit, die eine ausreichend genaue, einheitliche und permanente Adressierbarkeit von Inhalten garantiert, sind Kriterien für die Güte einer Edition, die nach wissenschaftlichen Prinzipien und für einen wissenschaftlichen Gebrauch erstellt wird.

Klassischerweise ist der Editionsprozess dann abgeschlossen, wenn das Ergebnis der editorischen Arbeit paginiert zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt vorliegt. Auf diese Weise werden Texte konstituiert, auf die man sich – buchstaben- und zeichengenau – eindeutig und dauerhaft beziehen kann, in denen Zitate, Registereinträge, Querverweise und Anmerkungen auf einer bestimmten Seite in einem konkreten Band einer definierten Ausgabe und Auflage verortet sind. Sollten Änderungen im Text selbst vorgenommen werden müssen, dann erfolgt dies über „Errata und Corrigenda“ und schließlich in einer neuen Auflage. Über die Differenzen zwischen verschiedenen Ausgaben eines Werkes gibt der kritische Apparat Auskunft.

Das und noch mehr muss auch die hier vorgestellte digitale Edition leisten. Dazu braucht es nach dokumentierten wissenschaftlichen Kriterien konstituierte, zuverlässige Editionstexte und eine dem Medium angemessene Referenzstruktur, die der Funktionalität und Unveränderbarkeit der Seitenzählung bei Druckwerken entspricht.
Die hier erforderliche Stabilisierung, also eine Kanonisierung, das „Einfrieren“ des kritisch edierten Textes ist im Falle der Schriften von Sigmund Freud auch in einer digitalen Ausgabe zu leisten.
Aber ein der Paginierung in den Druckfassungen analoges, standardisiertes, durchgehend angewendetes „System der Referenzierung existiert noch nicht und ist auch nicht in Sicht und so wird die Zitierung digitaler Editionen als immer noch offenes Problem aufgefasst.“ (Sahle, 2013, 2, 212) Um diese Grundvoraussetzungen und die textartenspezifischen Anforderungen zu erfüllen, wurden für die hier vorliegend Edition entsprechende Richtlinien entwickelt, die offengelegt sind und auf die alle beteiligten Teams und Mitarbeiterinnen verpflichtet werden.

Zu den konstituierten Texten

Die kritisch edierten Texte basieren auf den Faksimiles und diplomatischen Umschriften der von Freud verfassten Texte und aller (hier wird Vollständigkeit angestrebt) zu seinen Lebzeiten entstandenen Manifestationen, deren Differenzen im kritischen Apparat ausgewiesen sind.

Im Falle eines von Freud selbst zum Druck gegebenen Werkes gründet der konstituierte Text auf der letzten zu seinen Lebzeiten und von ihm autorisierten Druckfassung,  in welchem Verhältnis diese Manifestation zur letzten von Freud autorisierten Expression und zur Ausgabe letzter Hand steht, ist als Ergebnis des Variantenvergleiches zu dokumentieren.
Bei den von Freud selbst nicht zur Publikation gegebenen Handschriften aus dem Nachlass sowie dem Briefwerk ist der konstituierte Text mit der diplomatischen Umschrift der originalen Autografen identisch.
Die diplomatischen Umschriften aller relevanten Textvarianten eines Werkes und die aus ihnen konstituierten FE-Texte sind nach festgelegten Richtlinien erstellt, die offengelegt sind.

Damit ist gewährleistet, dass editorische Entscheidungen und die Schritte zur Erstellung der edierten Textfassung transparent und überprüfbar sind. Alle Textgrundlagen und Bearbeitungsvorgänge sind Teil der publizierten Edition, denn es wird in der digitalen Edition nicht nur der final bearbeitete und kritisch edierte konstituierte Text publiziert, sondern es sind auch alle Textvarianten abrufbar, die Freud selber verfasst oder autorisiert hat.

Vergleichbar mit dem Akt der Drucklegung wird auch in dieser digitalen Ausgabe der konstituierte Text an einem bestimmten Punkt „eingefroren“ (kanonisiert). Kleinere nachträgliche Änderungen (z. B. Transkriptions- oder Tippfehler und typografische Ungenauigkeiten) können über genaue Anmerkungen und Dokumentierung in Errata- und Corrigenda-Listen mit der Angabe des Änderungsdatums wieder stabilisiert werden. Gleiches gilt für Korrekturen in der diplomatischen Umschrift der Werkmanifestationen. Umfangreiche Änderungen erfordern eine explizite Versionierung des konstituierten Textes, also eine neuerliche TEI-Prozessierung bzw. eine Reversionierung des Variantenvergleiches).

Zu Stabilität und Flexibilität bei den verschiedenen Textkategorien der Edition

Der konstituierte Text, der Editionsapparat und die Beitexte sind in Hinblick auf die Anforderungen an Textstabilität unterschiedlich zu behandeln und getrennt zu führen.

  • Der konstituierte Text orientiert sich streng am Original und erfährt eine Kanonisierung. Das gilt auch für die diplomatischen Umschriften der betreffenden Werkmanifestationen.
  • Für unterschiedliche Zielgruppen können unterschiedliche Präsentations- und Publikationsmodalitäten entwickelt werden. Entscheidend dabei sind auch hier die Stabilität der edierten Texte und ihre dauerhafte Adressierbarkeit. Die kritische Edition so zu gestalten, dass sie auch die Bedürfnisse einer breiten Leserschaft berücksichtigen, das ist eine Frage der grafischen Präsentation, Inhalt und Adressierbarkeit werden dabei nicht angetastet.
  • Literaturverzeichnisse, Register, Einführungen, Kommentare und Anmerkungen sind abhängig vom Forschungsstand und der aktuellen Erschließungstiefe und erfahren damit potenziell laufend Änderungen. Vom eigentlichen kritisch edierten, konstituierten Text getrennt geführt werden sie – genauso wie spätere Änderungen und Ergänzungen – mit Datum und Namen der Autorin versehen und damit dokumentiert.
  • Zwischenergebnisse der Editionsarbeiten können gegebenenfalls im Sinne von Pilotstudien und Werkstattberichten vor-publiziert werden, sie sind aber explizit als diese auszuweisen und streng von der eigentlichen kritischen Edition der Schriften zu trennen.
  • Wenn für eine zusätzliche Leseausgabe Modernisierungen eines Textes vorgenommen werden, dann ist eine derartige Version jedenfalls explizit vom kritisch edierten Text zu trennen. Die dabei erfolgten Anpassungen werden kursorisch vermerkt aber dort im Detail nicht ausgewiesen.

Zur Referenzierbarkeit und Zitationsfähigkeit

Für die Gewährleistung der Referenzierung ist nicht nur die Stabilität des konstituierten Textes ausschlaggebend. Dass Zitate überprüfbar bleiben und dass sie eindeutig, einheitlich und dauerhaft verlässlich adressierbar sind, ist unabhängig vom Medium und Format, in der eine historisch-textkritische Werkausgabe erstellt und publiziert wird, ebenfalls eine Grundvoraussetzung für eine kritische Edition, sonst geht ihr Referenzcharakter verloren (Kolter, 2004, 117f).

Nun finden sich dafür noch keine allgemeingültigen Standards (s. o. Sahle, 2013, 2, 212). Stellt man keine retrokonvertierte, sondern eine primär digitale Edition vor, kann man ihr nicht die Ordnungskriterien einer gedruckten Gesamtausgabe mit Bänden und Paginierung zugrundlegen – abgesehen davon, dass die Umsetzung einer derartige Paginierung beim gegenständlichen Projekt noch in weiter Ferne liegt. Die bei digitalen Publikationen oft gebräuchliche Zitierform über die URL eines Textes oder der URL vom Kapitel eines Textes, ergänzt von der Angabe des Abrufdatums, adressiert eine konkrete Textstelle noch nicht in ausreichender Granularität; zudem gilt es noch weitere Anforderungen zu erfüllen:

In Hinblick auf die Architektur und Funktionalität der Editionsdatenbank sind nicht nur die digitalen Standards transmedial zu konfigurieren (XML, TEI-Richtlinien), es sind darüber hinaus auch die verschiedensten elektronischen Gerätschaften mit zu berücksichtigen (PC, Laptop, Tablet, Smartphone, Reader, Offline-Speichermedien bis hin zu Techniken und Software-Entwicklungen, von denen wir heute noch nichts wissen). Auch unterschiedliche Druckformate sind mitzudenken, Monografien, Sammelbände bis hin zu einer abschließenden, gedruckten Gesamtausgabe. Besondere Bedeutung wird dabei den individuelle Ausdrucke der digitalen konstituierten Texte zukommen; Studierende, AutorInnen, ÜbersetzerInnen können die kritisch edierten Freud-Texte herunterladen, sie mit ihren Anmerkungen versehen, Auszüge daraus machen, etc. – bei allen bleibt die Referenz in diesen "privaten" Editionen" konstant und verfügbar, unabhängig davon, ob man on- oder offline oder am papierenen Ausdruck arbeitet. Das alles impliziert, dass offline manuelles Aufsuchen einer Textstelle ebenfalls zu ermöglichen ist.

Hier braucht es also maßgeschneiderte digitale Lösungen, die unabhängig von den jeweiligen Medien und Publikationsformaten eine einheitliche Referenzierung erlauben, die als gemeinsamer Nenner für alle Darstellungsoptionen dienen. Die Referenzierung hat zudem sowohl automatisch generierbar als auch semantisch so weit aussagekräftig zu sein, dass sie die entscheidenden Informationen über Werk, Ausgabe und ausreichend Verortung der Textstelle in diesem Werk medienunabhängig und dechiffrierbar transportieren.

So ist etwa in Hinblick auf die semantische Aussagekraft einer Adresse zur Referenzierung zu bedenken, dass eine URL in erster Linie eine Adresse ist, „die einen Speicherort auf einem entfernten Rechner angibt. Diese Komponente ist aber technischen Begebenheiten unterworfen, so auch der „Gefahr“ von Umstrukturierungen, die den Speicherort einer Ressource ändern können. […]  Da […] die Adresse (die URL) den einzigen Zugriffspunkt auf die Ressource darstellt, ist deren nachhaltige Auffindbarkeit nicht garantiert“ (Assmann, 2005, 38).  Assmann schlägt vor, statt eines Speicherortes einen Namen anzugeben, der über einen Resolving-Mechanismus mit dem aktuellen Speicherort verbunden ist (ebd. 39ff).

Zu welcher technischen Lösung man immer findet, ist jedenfalls ein Name von größerem Wert, wenn er eine Aussage über das Werk, die Ausgabe, und den spezifischen Ort (Seite, Absatz) im adressierten Text macht, der auch von Laien dechiffrierbar und zudem manuell auffindbar. Es empfiehlt sich also ein System, das nicht durch eine Präsentationsform und die willkürlichen Setzungen von Herausgeberinnen, sondern durch eine dem Werk selbst inhärente und damit veränderungsresistente Struktur bestimmt wird (Sahle, 2013, 2, 213), eine also nach Assmann (2015) „kanonische Zitierweise“. Für die vorliegende Edition ist zudem wichtig, dass sie gleichermaßen dem digitalen Medium adäquat sowie auf herkömmliche Weise lesbar ist. Nur eine derartige, jedenfalls bleibende Ordnung kann das bei wechselnden Medien, Formaten und auch allfälligen späteren Umstrukturierungen der Edition dauerhaft leisten.

Textsortenspezifischen Anforderungen an das Referenzsystem

Diese Anforderungen sind für das von Freud selber zum Druck gebrachte Werk, die von Freud nicht publizierten Autografen aus dem Nachlass und das Briefwerk differenziert zu behandeln.

  • Das von Freud selbst zum Druck gebracht Werk liegt meist in verschiedenen von Freud autorisierten Expressionen und Manifestationen vor. Die kritische Edition eines Werkes basiert in der Regel auf der Ausgabe letzter Hand (der letzten von Freud autorisierten Expression), alle davor liegenden Expressionen mit ihren Manifestationen werden im kritischen Apparat und im kuratierten Variantenapparat berücksichtigt.
    Für die Strukturierung der Editortexte dieser Werkkategorie erfüllen die vom Autor selbst gesetzten Absätze die geforderten Kriterien, sie sind medien- und formatunabhängig, dem Text inhärent, stabil und dauerhaft adressierbar.

    Im Falle des Druckwerkes generiert sich die Referenz automatisch aus der Signatur = URL des kritisch edierten Werkes und der Absatznummerierung.
    „1920-006/FE-13“ zum Beispiel verweist auf Absatz 13 in der kritischen Ausgabe von Freuds ›Jenseits des Lustprinzips, erstveröffentlicht 1920, das in der kritischen Edition nicht zusätzlich in Kapitel untergliedert wurde. Bei in Kapiteln gegliederten, also umfangreicheren Texten wird die Nummer oder das Symbol (T: Titel, P: Vorwort, L: Literaturverzeichnis) des jeweiligen Kapitels der Absatznummer vorangestellt, wobei die Absatzzählung bei jedem Kapitel wieder neu beginnt.
    So verweist „1900-001/FE.3-7“ auf den 7. Absatz im 3. Kapitel von Freuds ›Die Traumdeutung‹, erstveröffentlicht 1900, in der Fassung der Freud-Edition. Diese hier angeführten Informationen kann man aus der Referenz entnehmen, wenn man sie zu lesen versteht, das gilt auch für die beiden folgenden Beispiele.
    Der Aufbau der Signaturen wird andernorts in den Richtlinien erläutert.
     
  • Bei den von Freud nicht publizierte Handschriften aus dem Nachlass (Manuskripte, Notizenwerk, Fragmente, u. a.) liegen die Werke nur in einer Fassung vor. Posthume Erstpublikationen werden in der kritischen Edition textkritisch nicht berücksichtigt, aber in der Bibliografie und in den Kommentaren teilweise angeführt.
    Die buchstaben-, zeichen-, zeilen-, absatz- und seitengenaue diplomatische Umschrift der Textquellen bildet die Textgrundlage der kritischen Edition. Zeilenumbruch, Absatzformatierung und Paginierung orientieren sich am Original und bleiben im Editionstext unangetastet erhalten, weil der Textstruktur zusätzliche Aussagkraft und syntaktische Funktion zukommt. In diesem Falle ist die Seitenzählung daher auch dem digitalen Medium angemessen und dient ihm als stabiles Kriterium für die Feingranulierung der Referenz. Sie ist einer Absatzzählung vorzuziehen, weil bei Autografen die Absätze nicht immer eindeutig zu bestimmen sind.
    Die Referenz generiert sich hier automatisch aus der Signatur = URL des kritisch edierten Textes und der Seitenzahl.
    So verweist „1895-103/FE-17“ auf die Seit 17 im ›[Entwurf einer Psychologie]‹, einem Manuskript, das von Freud 1895 niedergeschrieben aber von ihm nicht publiziert wurde und hier in der Fassung der FE vorliegt. Der Titel ist zwischen eckige Klammern gesetzt, weil er von den Herausgeberinnen der posthumen Erstveröffentlichung und nicht vom Autor gewählt wurde.
     
  • Bei den Briefen der Freud-Korrespondenz ist ein ähnliches Vorgehen wie bei den Manuskripten aus dem Nachlass möglich. Auch sie liegen nur in einer Fassung vor. Eine Ausnahme bilden jene wenigen Briefe, deren Publikation Freud autorisiert hatte. Sie werden als Veröffentlichung parallel im gedruckten Werk geführt. Alle anderen Erstveröffentlichungen, die zu Lebezeiten Freuds oder posthum erfolgt sind, werden in der Edition im Sinne der Textkritik nicht berücksichtigt, aber in der Bibliografie und in Kommentaren erwähnt.
    Die zeilen-, absatz- und seitengenaue diplomatische Umschrift der Briefe bleibt hier ebenfalls unangetastet – mit der gleichen Begründung wie bei den Handschriften aus dem Nachlass – und bildet die Textgrundlage ihrer kritischen Edition. Die Paginierung orientiert sich am Original und bleibt im kritischen Editionstext unangetastet erhalten; auch in diesem Falle ist die Seitenzählung dem digitalen Medium angemessen und dient ihm als Kriterium für die Feingranulierung der Referenz.
    Die Referenz eines Briefes generiert sich hier automatisch aus den Kürzeln des Namens der Autorin/des Autors und der Adressatin/des Adressaten (festgelegt im Korrespondenzverzeichnis) und dem Datum des Briefes.
    So verweist „F-EE/1902-01“ auf die kritische FE-Ausgabe des Briefes, den Sigmund Freud am 16.1.1902 an Emma Eckstein geschrieben hat.
     
  • Bei zusätzlich verfertigten Leseausgaben von Manuskripten und Korrespondenzen werden Zeilen- und Seitengenauigkeit aufgehoben, Rechtschreibung und Orthografie aktualisiert, Abkürzungen aufgehoben und unvollständige Sätze vervollständigt. Eine solche Ausgabe ist jedenfalls streng getrennt vom kritisch edierten Text zu führen. Nachdem dort aber jedenfalls die Absatzstruktur erhalten belibt, behält das Referenzsystem auch für diese Ausgaben seine Gültigkeit.

Interdisziplinäres Team und institutional commitment als Faktoren für Wissenschaftlichkeit und Stabilität

Die interdisziplinäre Kooperation aller an der Edition kollaborativ mitarbeitenden ExpertInnen bewirkt, dass alle an der Edition Beteiligten fächerübergreifende Kompetenzen erwerben und auch gemeinsam zur Qualität und Verbindlichkeit der Editions- und Publikationsrichtlinien beitragen.

Ein weiterer essentieller Stabilisator und Garant für das Gelingen und die wissenschaftliche Güte eines derart umfangreichen und langfristig zu denkenden Editionsprojektes ist seine institutionelle Verankerung. Im Falle der digitalen Sigmund Freud Edition ist die Trägerorganisation die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV), bei der die rechtliche, organisatorische, finanzielle, aber auch wissenschaftliche Verantwortung liegt. Anders als bei einer Druckausgabe, die an ein Verlagshaus gebunden ist, braucht ein derartig umfassendes digitales Editionsprojekt eine langfristige und stabile institutionelle Verankerung, denn hier ist in Jahrzehnten zu denken. Die mit der Edition betrauten Personen und Teams werden wechseln, über den weitgehenden Abschluss der Arbeiten hinaus (denkbar innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten) ist die die Edition wissenschaftlich, technisch und in Hinblick auf die Publikationsmodalitäten fortwährend weiter zu betreuen, das bedarf sowohl einer wirtschaftlichen Absicherung als auch einer Rechtssicherheit.
Weitere stabilisierende Faktoren sind eine institutionell tief verankerte Verpflichtung, das Werk Freuds auf hohem wissenschaftlichem Niveau zu pflegen, was auch über eine entsprechende enge internationale Vernetzung unterstützt wird.

In konkreter Hinsicht hat die WPV für die Edition eine Gesamtleitung bestellt, eine Geschäftsordnung und schriftliche Vereinbarungen regeln die Modalitäten und Zuständigkeiten und Kooperationen.
So findet etwa derzeit ein Teil der Editionsarbeiten im Rahmen der Wiener Psychoanalytischen Akademie statt. Ein Kernteam hat die Grundlagen für die Edition erarbeitet, wie etwas das wissenschaftliche Gesamtkonzept, den Organisations- und Finanzplan, das Teambuilding, Datenbank, Werk- und Briefverzeichnis, Editionsrichtlinien, eigene Signaturen, Werkbibliografie, Bibliografie des Briefwerkes, Faksimile-Ausgabe der Werke und ihrer Manifestationen, des Nachlasses und Korrespondenzen (soweit die Textquellen in der Library of Congress archiviert sind), etc. Andere Teams arbeiten an der kritischen Edition von Teilen des Textkorpus. Die Entwicklung des Instrumentariums für die TEI-Prozessierung bedarf spezifischer Kooperationen.

Unter diesem institutionellen Dach werden im Laufe vieler Jahre im Rahmen von klar definierten Aufgaben, Forschungspartnerschaften und unterschiedlichen Finanzierungsmodi unterschiedliche Teams und einzelne HerausgeberInnen an der Edition von Werken und Briefen oder Werkgruppen arbeiten.

Letzten Endes ist es dieses institutional commitment (Sahel 2013, 2, 216), das für die Langzeitaspekte der Edition, die Dauerhaftigkeit ihrer Verfügbarkeit in den von ihr autorisierten Publikationsformaten, die langfristige Einhaltung der Editionsrichtlinien, die Qualität und damit die Stabilität der Editionstexte und deren Referenzierbarkeit Sorge trägt.

Den Erfordernissen der Langzeitspeicherung wird nicht nur auf digitaler Ebene, sondern auch über Druckausgaben Rechnung getragen, die von der Trägerorganisation langfristig gehalten und betreut werden.

 

Literatur:

Assmann, Bernhard (2005): Sind kanonische Zitierweisen der Geisteswissenschaften als nachhaltige Komponenten digitaler Repositorien geeignet“.  https://www.cei.lmu.de/pub/MagArbAssmann.pdf [2021-11-01]

Diercks, Christine; Blatow, Arkadi (2020): Freuds “Verzeichnis sämtlicher Schönen”. Zur Neu-Systematisierung der ›Freud-Bibliografie‹. Luzifer-Amor, 34, 2021, 67, 175-192.

FRBR: Arbeitsstelle für Standardisierung, Deutsche Nationalbibliothek (Hg.): Funktionelle Anforderungen an bibliografische Datensätze. Abschlussbericht der IFLA Study Group on the Functional Requirements for Bibliographic Records. Deutsche Übersetzung 2006
http://www.ifla.org/files/assets/cataloguing/frbr/frbr-deutsch.pdf [2019 10 04].

International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) (ed.) (1998): Functional Requirements for Bibliographic Records. The Hague, Netherlands and K.G. Saur Verlag, Munich, UBCIM Publications: New series; vol. 19, 1998. https://www.ifla.org/publications/functional-requirements-for-bibliogra… [2019 10 04]. As amended and corrected through February 2009. https://www.ifla.org/files/assets/cataloguing/frbr/frbr_2008.pdf [2019 03 06]

Koltes (2004): Elektronische Edition vs. buch. Überlegungen zum Verhältnis zweier Medien zueinander am Beispiel der 2 Briefe an Goethe". in: Meyer, Jörg; Ziegler, Arne (2004): Edition und Internet. Berlin.

Sahle, Patrick (2013): Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. Teil 2, Befunde, Theorie und Methodik. BoD, Nordstedt.