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    Bericht

    über meine mit Universitäts-Jubilaeums Reisestipendium
    unternom̄ene Studienreise nach Paris und Berlin
    October 1885 - Ende März 1886.

    Dr. Sigm Freud
    Dozent f. Neuropathologie
    a.d. Universität Wien.

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    Hochlöbliches Professoren-Collegium
    der medizinischen Fakultät
    in Wien

    In meinem Gesuche um Verleihung des Universitäts-
    Jubiläums-Reisestipendiums für das Jahr 1885/6 habe ich
    die Absicht ausgesprochen mich nach Paris in das Hospiz der
    Salpêtrière zu begeben, um daselbst meine neuropathologischen
    Studien fortzusetzen. Für diese Wal hatten mehrere Momente zusam̄en-
    gewirkt: Zunächst die Gewißheit, an der Salpêtrière ein großes Material 
    von Kranken gesam̄elt zu finden welches in Wien nur zerstreut und
    daher schwer unzugänglich ist; sodann der große Name J. M. Charcot's, welcher
    in jenem Krankenhause nun seit 17 Jahren arbeitet und lehrt; endlich
    aber mußte ich mir sagen, daß ich nicht erwarten durfte, an einer
    deutschen Hochschule wesentlich Neues zu lernen, nachdem ich in Wien
    die mittelbare und unmittelbare Unterweisung der Herren
    Prof. Th. Meynert und H. Nothnagel genossen hatte. Die
    französische Schule der Neuropathologie schien mir dagegen sowohl
    in ihrer Arbeitsweise Fremdes und Eigentümliches zu bieten, als auch

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    neue Gebiete der Neuropathologie in Angriff genom̄en zu haben, auf welche
    sich in Deutschland und Österreich die wissenschaftliche Arbeit nicht in ähnlicher
    Weise erstreckt hat. Infolge des wenig lebhaften persönlichen
    Verkehrs zwischen französischen und deutschen Ärzten fanden  hatten die
    theils höchst merkwürdigen (Hypnotismus), theils praktisch wichtigen
    (Hysterie) Funde der französischen Schule mehr Anzweiflung als Anerken̄ung
    und Glauben in unseren Landen gefunden und mußten sich die französischen
    Forscher, Charcot voran, oft den Vorwurf der Kritiklosigkeit oder
    mindestens der Hinneigung zum Studium des Seltsamen und zu dessen effektvoller
    Verarbeitung gefallen lassen. Nachdem mich das löbliche Professoren-
    Collegium durch die Verleihung des Reisestipendiums ausgezeichnet
    hatte, ergriff ich daher bereitwillig die gebotene Gelegenheit, ein auf
    eigene Erfahrung gegründetes Urtheil über die erwähnten Reihen von
    Thatsachen zu gewinnen, und freute mich, dabei gleichzeitig der
    Anregung meines verehrten Lehrers, des Herrn Prof. v. Brücke
    entsprechen zu können.

    Während eines Ferienaufenthaltes in Hamburg machte
    das freundliche Entgegenkom̄en des Herrn Dr.Eisenlohr, des bekan̄ten
    Vertreters der Neuropathologie in dieser Stadt, es mir möglich,
    eine größere Reihe von Nervenkranken im großen Krankenhause
    und im Heinespitale zu untersuchen und verschaffte mir auch Zugang
    in die Irrenanstalt Klein-Friedrichsberg. Die Studienreise, über
    welche ich hier berichte, nahm aber ihren Anfang erst mit meinem Ein-
    treffen in Paris in der ersten Hälfte des Monats Oktober
    zum Beginne des Schuljahres.

    Die Salpêtrière, welche ich zunächst aufsuchte, ist ein
    ausgedehntes Bauwerk, das durch seine einstöckigen, im Viereck
    stehenden Häuser, wie durch seine Höfe und Gartenanlagen 

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    lebhaft an das Wiener Allgemeine Krankenhaus erinnert. Es hat seine
    Bestim̄ungen, auf deren erste der Name hindeutet (wie bei unserer
    „Gewehrfabrik"), im Laufe der Zeiten mehrmals gewechselt und ist
    endlich zu einem Versorgungshaus für alte Frauen (vieillesse femmes),
    das über 5000 Personen beherbergt, geworden. Es lag in der
    Natur der Verhältniße, daß die chronischen Nervenkrankheiten
    eine besonders reichliche Vertretung unter diesem Krankenmateriale
    finden mußten, und frühere Primarärzte des Versorgungshauses, zB. Briquet
    hatten auch die wissenschaftliche Verwertung der Kranken in Angriff
    genom̄en, doch stand einer systematisch fortgeführten Arbeit die fran 
    Gepflogenheit der französischen Primarärzte im Wege, das Spital, an
    dem sie wirken und damit die Spezialität, welche sie studiren,
    häufig zu wechseln, bis sie in ihrer Carriere in das große klinische
    Spital Hǒtel-Dieu gelangt sind. J. M. Charcot aber, welcher
    im Jahre 1856 Interne (Sekundararzt) an der Salpětrière war,
    erkannte die Notwendigkeit die chronischen Nervenkrankheiten
    zum Gegenstand eines unausgesetzten und ausschließlichen Studiums
    zu machen u nahm sich vor, als Primararzt in die Salpětrière
    zurückzukehren und dieselbe nicht mehr zu verlassen. Diesen Vorsatz
    durchgeführt zu haben, erklärt der bescheidene Mann nun für
    sein einziges Verdienst. Durch die günstigen Bedingungen seines
    Materials auf die chronischen Nervenkrankheiten und deren
    ¿¿¿¿¿ pathologisch-anatomische Begründung hingewiesen, hielt
    er durch etwa 12 Jahre klinische Vorlesungen als freier Arbeiter
    ohne Lehrauftrag, bis im Jahre 1881 endlich ein Lehrstuhl für
    Neuropathologie in der Salpětrière errichtet und ihm übertragen
    wurde.

    Mit dieser Institution waren eingreifende Veränderungen
    in den Arbeitsbedingungen Charcot's und seiner unterdeßen
    zahlreich gewordenen Schüler verbunden. Als notwendige Ergänzung
    zu dem stationären Materiale des Versorgungshauses wurde eine

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    klinische Abtheilung in der Salpětrière geschaffen, auf welcher auch
    nervenkranke Männer Aufnahme finden sollten und die sich
    aus einer einmal wöchentlich abgehaltenen Poliklinik (Consultation
    externe) rekrutirte. Außerdem wurde dem Professor der Neuropathologie
    ein Laboratorium für anatomische und physiologische Arbeiten, ein
    pathologisches Museum, ein Atelier für Photographie und Gipsabgüße,
    ein ophthalmologisches Zim̄er, ein elektrisches und hydrotherapeutisches
    Institut in den Räumlichkeiten des großen Spitales zur Verfügung
    gestellt und ihm damit die Möglichkeit gegeben, sich der dauernden
    Mitarbeiterschaft einiger seiner Schüler, denen die Leitung dieser
    Anstalten übertragen ist, zu versichern. Der Mann, welcher über all
    diese Hilfsmittel und Hilfskräfte gebietet, ist gegenwärtig
    60 Jahre alt, von einer Lebhaftigkeit, Heiterkeit und Formvollendung
    der Rede, die wir gewöhnlich dem Nationalcharakter der Franzosen
    zuzuschreiben pflegen, und von einer Geduld und Arbeitsfreudigkeit,
    wie wir sie in der Regel für die eigene Nation in Anspruch
    nehmen.

    Von dieser Persönlichkeit angezogen, habe ich mich bald
    darauf beschränkt, das eine Spital zu besuchen und dem Unterricht
    des einen Mannes zu folgen. Gelegentliche Versuche andere Vor-
    lesungen zu hören, gab ich bald auf, nachdem ich mich überzeugt hatte,
    daß man sich zumeist mit wolgefügten rhetorischen Leistungen zufrieden
    geben müßte. Nur die gerichtlichen Sektionen und Vorträgen von
    Prof. Brouardel in der Morgue pflegte ich selten zu versäumen.

    In der Salpětrière selbst gestaltete sich meine Arbeit
    anders, als ich mir ursprünglich vorgesetzt hatte. Ich war in der Absicht
    gekom̄en, eine einzelne Frage zum Gegenstande einer eingehenden
    Untersuchung zu machen und hatte mir, da mich in Wien vorzugsweise
    anatomische Probleme beschäftigt hatten, das Studium der sekun-
    dären Atrophien und Degenerationen nach infantilen Gehirn-
    affektionen erwählt. Man stellte mir ein äußerst wertvolles 

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    pathologisches Material zur Verfügung; ich fand aber, daß die Verhält-
    nisse der Ausnützung desselben sehr ungünstig waren. Das Laborat-
    orium war in keiner Weise darauf eingerichtet, einen ¿¿¿¿¿ fremden Arbeiter
    aufzunehmen, und was etwa an Raum und Hilfsmitteln vorhanden war,
    wurde durch den Mangel einer jeglichen Organisation unzugänglich.
    Ich sah mich also genötigt die anatomische Arbeit aufzugeben und begnügte
    mich mit einem auf das Verhalten der Hinterstrangskerne im verlängerten
    Mark bezüglichen Funde. Doch fand sich später Gelegenheit derartige
    Untersuchungen in Gemeinschaft mit Herrn Dr. v. Darkschewitsch aus Moskau
    aufzunehmen und unser Verkehr führte zu einer Publikation im 
    Centr ‚Neurologischen Centralblatt‛ Nr. 6, 1886, welche den Titel trägt:
    „Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und
    Hinterstrangskern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata".

    Im Gegensatz zur Unzulänglichkeit des Laboratoriums
    bot die Klinik in der Salpětrière eine solche Fülle von Neuem
    und Interessantem, daß ich es alle meine Kräfte in Anspruch nahm,
    die günstige Gelegenheit als Lernender auszunützen. Die Ein-
    theilung der Woche war die folgende: Montag fand die öffentliche
    Vorlesung Charcot's statt, welche durch ihre Formvollendung ent-
    zückte, während ihr Inhalt aus den Arbeiten der vorhergehenden
    Woche bekannt war. Dienstag Diese Vorlesungen waren nicht so
    sehr Elementarunterricht in der Neuropathologie als vielmehr
    Mittheilungen der neuesten Forschungen des Professors und wirkten
    vor allem durch ihre beständige Beziehung auf den vorgestellten
    Kranken. Dienstag hielt Charcot die Consultation externe ab, bei
    welcher ihm aus einer großen Menge von ambulatorischen Patienten
    die typischen oder die rätselhaften Fälle von den Assistenten zur
    Untersuchung vorgeführt wurden. Wirkte es damal da manchmal
    entmutigend, wenn der Meister einen Theil dieser Fälle nach
    seinem eigenen Ausdruck »„n das Chaos der noch unenthüllten
    Nosolog Nosographie" zurücksinken ließ, so boten ihm andere
    Fälle Gelegenheit die lehrreichsten Bemerkungen über 

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    Vorläufige editorsiche Anmkerung CD:

    Darkschewitsch, Liweri Ossipowitsch; Freud, Sigmund (1886-002; 1886b): Ueber die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangskern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata. Neurologisches Centralblatt‛ Nr. 6, 1886, Band 5, 121.

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    die verschiedenartigsten Themata der Neuropathologie an sie zu
    knüpfen. Mittwoch war zum Theile den ophthalmologischen Untersuch-
    ungen gewidmet, welche Dr. Parinaud in Charcot's Gegenwart
    vornahm; und an den übrigen Tagen machte Charcot die Visite auf
    den klinischen Zim̄ern oder setzte die Untersuchungen, mit denen
    er eben beschäftigt war, an Kranken im Konferenzzim̄er fort.

    Ich hatte so Gelegenheit, eine große ¿¿¿¿¿ Reihe von
    Kranken zu sehen, selbst zu untersuchen und Charcots Urtheile
    über dieselben zu hören. Von höherem Werte aber als dieser
    positive Gewinn an Erfahrung scheint mir die Anregung zu sein,
    welche ich während der fünf in Paris verbrachten Monate aus
    dem beständigen wissenschaftlichen und persönlichen Verkehr mit
    Prof. Charcot geschöpft habe. Was den ersteren betrifft, so war ich
    kaum vor anderen Fremden bevorzugt. Die Klinik war eben
    jedem Arzte, der sich vorgestellt hatte, zugänglich, und die Arbeit
    des Professors ging öffentlich vor sich, inmitten aller jungen bei
    ihm dienenden und der fremden Ärzte. Er schien gleichsam mit
    uns zu arbeiten, laut zu überlegen und auf Einwürfe von Seiten
    der Schüler zu warten. Wer sich getraute, mochte sein Wort in die
    Discussion einwerfen, und keine Bemerkung blieb von dem
    Meister unberücksichtigt. Die Ungezwungenheit der Verkehrsformen
    und die den Fremden als fremdartig anmutende höfliche Gleich-
    stellung aller Personen machte es auch den Schüchternen leicht, den
    lebhaftesten ¿¿¿ Antheil an den Untersuchungen, die Charcot
    anstellte, zu nehmen. Man sah ihn so zuerst unschlüssig vor
    neuen, schwer zu deutenden Erscheinungen stehen, kon̄te die Wege
    verfolgen, auf denen er zu deren Verständnis durchzudringen
    suchte, die Art, wie er Schwierigkeiten constatirte und überwand

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    studieren und merkte mit Überraschung, daß er nie müde wurde, das
    nämliche Phänomen anzuschauen, bis ihm durch die so oft wiederholte, vorurteilslose
    Arbeit seiner Sinne das richtige Verständnis eröffnet war die richtige
    Auffassung gewonnen war. Nim̄t man dazu die volle Aufrichtigkeit,
    mit der sich der Professor während dieser Arbeitsstunden gab, so wird
    man verstehen, daß der Schreiber dieses Berichts, wie alle anderen
    Fremden im gleichen Falle, die Klinik der Salpětrière als rückhaltsloser
    Bewunderer Charcot's verließ.

    Charcot pflegte zu sagen, die Anatomie habe im Großen und Ganzen
    ihr Werk vollendet und die Lehre von den organischen Erkrankungen
    des Nervensystems sei sozusagen fertig; es kom̄e nun die Reihe an
    die Neurosen. Man darf diesen Ausspruch wol nur als Ausdruck der
    Wandlung gelten lassen, die in seiner eigenen Thätigkeit eingetreten
    ist war. Seine Arbeit gilt seit Jahren fast ausschließlich den Neurosen und
    vorzugsweise der Hysterie, die er seit Eröffnung der Ambulanz und
    der Klinik auch bei Männern zu studiren Gelegenheit findet.

    Ich werde mir gestatten, die Leistungen Charcot's für die Klinik
    der Hysterie mit einigen Worten darzulegen. Hysterie ist derzeit kaum
    ein Name von einigermaßen umgrenzter Bedeutung; der Krankheitszustand
    für welchen dieser Name gebraucht wird, ist wissenschaftlich nur durch
    negative Merkmale geken̄zeichnet, wenig und ungern studirt und mit
    dem Odium einiger sehr allgemein verbreiteter Vorurtheile behaftet.
    Solche sind die angebliche Abhängigkeit der hysterischen Erkrankung von
    Genitalreizungen, die Meinung, daß für die Hysterie eine bestim̄te
    Symptomatologie nicht anzugeben sei, weil eben jede beliebige
    Combination von Symptomen bei ihr vorkom̄en könne, und endlich
    die übergroße Bedeutung, welche man der Simulation in dem Krankheits-
    bilde der Hysterie eingeräumt hat. Eine Hysterische war in unseren
    Jahrzehnten fast ebenso sicher, als Simulantin behandelt zu werden, wie
    sie in früheren Jahrhunderten als Hexe oder als Besessene ge beurtheilt
    und verurtheilt wurde. In anderer Hinsicht war eher ein Rückschritt
    in der Kenntnis der Hysterie eingetreten. Das Mittelalter kannte genau 

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    [9]

    die „Stigmata", die somatischen Kennzeichen der Hysterie, welche es in seiner Weise
    deutete und verwertete. Auf den Berliner Polikliniken sah
    ich aber, daß diese somatischen Ken̄zeichen der Hysterie so gut wie unbe-
    kan̄t waren und daß mit der Diagnose „Hysterie" überhaupt die
    Neigung sich weiter mit den Kranken zu beschäftigen unterdrückt schien.

    Charcot ist bei dem Studium der Hysterie von den ausgebildetsten Fällen
    die er als vollkom̄ene Typen der Erkrankung auffaßte, ausgegangen und hat
    zunächst die Beziehung der Neurose zum Genitalsystem auf ihr richtiges Maß zurückge-
    führt, indem er die männliche und insbesondere die traumatische Hysterie
    in bisher nicht geahntem Umfange ken̄en lehrte. An solchen typischen Fällen
    fand er dan̄ eine Reihe von somatischen Ken̄zeichen (Charakter des Anfalls,
    Anaesthesie, Störungen des Sehsinnes, hysterogene Punkte auf u. a.) auf, welche
    nun gestatten, die Diagnose auf Hysterie auf Grund positiver Merkmale
    mit Sicherheit zu stellen. Durch das wissenschaftliche Studium des Hypnotismus
    – ein Gebiet der Neuropathologie, das einerseits dem Unglauben, andererseits
    dem ¿¿¿¿¿¿¿ Betruge abgerungen werden mußte – gelangte er selbst zu
    einer Art von Theorie der hysterischen Symptomatologie, welche er den
    Mut hatte, als eine zumeist reelle anzuerken̄en, ohne die Vorsicht, welche
    die Unaufrichtigkeit der Kranken erfordert, dabei zu vernachlässigen.
    Eine rasch sich mehrende Erfahrung an dem vorzüglichsten Materiale
    erlaubte ihm bald auch die Abweichungen vom typischen Bilde in
    Betracht zu ziehen, und als ich die Clinik verlassen mußte, war er eben
    beschäftigt, nach den hysterischen Lähmungen und Arthralgien die hysterischen
    Atrophien zu studieren, von deren Existenz er sich erst in den letzten
    Tagen meines Aufenthaltes überzeugen kon̄te.

    Die ungeheure praktische Wichtigkeit der zumeist verkan̄ten männlichen,
    und besonders der nach Traumen entstandenen Hysterie erläuterte er
    an einem Kranken, welcher durch beinahe drei Monate den
    Mittelpunkt aller Arbeiten Charcots bildete. So wurde durch seine
    Bemühungen die Hysterie aus dem Chaos der Neurosen heraus
    gehoben gegen andere Zustände ähnlicher Erscheinung abgegränzt
    und mit einer Symptomatologie ausgestattet, welche obwol mannig-
    faltig genug, doch das Walten von Gesetz und Ordnung 

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    nicht mehr verkennen läßt. Über die Gesichtspunkte, welche sich bei seinen ¿¿¿
    Untersuchungen ergaben, hatte ich mündlich und schriftlich einen lebhaften
    Gedankenaustausch mit Herrn Prof. Charcot gepflogen, aus dem eine
    zur Aufnahme in die „Archives de Neurologie" bestim̄te Arbeit hervor-
    ging, welche als „Vergleichung der hysterischen mit der organischen
    Symptomatologie" bezeichnet ist.

    Ich muß hier anführen, daß die Auffassung ¿¿ der durch Trauma 
    entstandenen Neurosen ¿¿ (railway-spine) als Hysterie lebhaften
    Widerspruch bei deutschen Autoren besonders bei den Herren Thomsen
    und Oppenheim, Assistenten an der Charité in Berlin, gefunden hat.

    Ich lernte später beide Herren in Berlin kennen und wollte die Gelegenheit
    benützen mich über die Berechtigung dieses Widerspruchs zu orientieren.
    Leider waren die betreffenden Kranken nicht mehr in der Charité. Ich
    gewan̄ nur den Eindruck, daß die Frage noch nicht spruchreif sei, daß
    aber Charcot Recht tue, zunächst die typischen und einfacheren Fälle
    zu berücksichtigen, während die deutschen Gegner mit dem Studium
    der verschwom̄enen und complicirten Formen begonnen hatten. Die
    Behauptung daß so schwere Formen von Hysterie, wie sie Charcot zu
    seinen Arbeiten gedient hatten, in Deutschland nicht vorkom̄en, wurde
    in Paris in Abrede gestellt, und mit Berufung auf die historischen
    Berichte von derartigen Epidemien die Identität der Hysterie zu allen
    Zeiten und an allen Orten vertreten.

    Ich versäumte auch nicht, mir eigene Erfahrungen über die so wunderbaren
    und wenig geglaubten Phänomene des Hypnotismus, besonders des
    von Charcot beschriebenen „grand hypnotisme" zu ¿¿¿ erwerben.
    Zu meinem Erstaunen fand ich, daß es sich hiebei um grob sinn̄fällige,
    in keiner Weise anzuzweifelnde Dinge handelt, die allerdings
    wunderbar genug sind um nicht ohne eigene sinnliche Wahrnehmung ge-
    glaubt zu werden. Ich kon̄te dagegen nicht finden, daß Charcot
    dem Seltsamen eine besondere Vorliebe entgegenbrachte oder
    es zu Gunsten mystischer Tendenzen zu verwerten suchte. Vielmehr
    war ihm der Hypnotismus ein Erscheinungsgebiet, auf das er die
    naturwissenschaftliche Beschreibung anwandte genau so wie vor Jahren 

  • S.

    die multiple Herdsklerose oder die progressive Muskel Atrophie. Er schien mir
    überhaupt nicht denen zu gehören, welche sich eher über das Seltene als
    über das Gewöhnliche wundern. und nach seiner ganzen Geistesrichtung
    muß ich vermuten, daß es ihm zwar keine Ruhe läßt, bis er ein Phänomen
    das ihn beschäftigt, richtig beschrieben und eingeordnet hat, daß er
    aber s dan̄ sehr wol eine Nacht schlafen kann, ohne die physiologische
    Erklärung der betreffenden Erscheinung gegeben zu haben.

    Ich habe in diesem Berichte den Bemerkungen über Hysterie
    und Hypnotismus einen größeren Raum gewährt, weil ich hiemit
    das durchweg Neue und den Gegenstand von Charcot`s eigener
    Arbeit zu behandeln hatte. Wen̄ ich auf die organischen Erkrankungen
    des Nervensystems weniger Worte verwende, so möchte ich doch
    nicht den Eindruck erwecken, daß ich von denselben nichts oder
    nur wenig zu Gesichte bekom̄en. Ich führe als besonders interessant
    aus dem reichen Materiale merkwürdiger Fälle nur an: die
    von Dr Marie kürzlich beschriebenen Formen der hereditären Muskel-
    atrophie, die, obwol nicht mehr zu den Erkrankungen des Nervensystems
    gezählt, doch noch von den Neuropathologen geführt werden,
    Fälle von Menière'scher Krankheit, multipler Sklerose, von Tabes
    mit allen ihren Complicationen, besonders mit der von Charcot
    beschriebenen Gelenkserkrankung, von partieller Epilepsie u. anderen
    Formen, welche den Bestand einer Nervenklinik und Poliklinik bilden.
    Von den funktionellen Erkrankungen (außer Hysterie) wurden Chorea
    und die verschiedenen Arten von „Tic" (z. B. Maladie de Gilles de la Tourette)
    zur Zeit meiner Anwesenheit besonders berücksichtigt.

    Als ich hörte, daß Charcot die Herausgabe einer neuen
    Sam̄lung seiner Vorlesungen beabsichtige, erbot ich mich zu einer
    deutschen Übersetzung derselben, und diesem Unternehmen hatte
    ich einerseits einen näheren persönlichen Verkehr mit Prof. Charcot
    andererseits die Möglichkeit zu danken, meinen Aufenthalt
    in Paris über die Zeit hinaus zu verlängern, für welche das
    mir verliehene Reisestipendium reichte. Diese Übersetzung
    ¿¿¿ ¿¿¿ ¿¿¿ wird im Monat Mai dieses Jahres bei Toeplitz
    und Deuticke in Wien erscheinen.

  • S.

    Ich habe endlich noch zu erwähnen, daß Herr Professor Ranvier am
    College de France die Güte hatte, mir seine schönen Praeparate
    über Nervenzellen und Neuroglia zu zeigen.

    Mein Aufenthalt in Berlin, der vom 1 März bis Ende März dauerte
    fiel in die Zeit der dortigen Semesterferien. Doch hatte ich
    reichlich Gelegenheit, an den Polikliniken der Herren Prof. Mendel,
    Eulenburg und des Dr A. Baginsky nervenkranke Kinder zu unter-
    suchen, und fand überall die entgegenkom̄endste Aufnahme. Wieder-
    holte Besuche bei Prof. Munk und im landwirtschaftlichen Laboratorium
    des Prof. Zuntz, wo ich Herrn DrLoeb aus Straßburg traf, ließen
    mich ein eigenes Urteilüber die zwischen Goltz und Munk streitige
    Frage der Lokalisation des Sehsinnes an der Gehirnoberfläche
    gewinnen. Herr DrB. Baginsky im Munk'schen Laboratorium war
    so freundlich, mir seine Preapareta über den Verlauf des Hörnerven
    zu demonstriren und mein Urtheil über dieselben zu verlangen.

    Ich halte es für meine Pflicht, dem Professorenkollegium
    der medizinischen Fakultät in Wien für die Bevorzugung bei der
    Verleihung des Reisestipendiums auf's Wärmste zu danken.
    Die Herren, unter denen sich alle meine verehrten Lehrer befinden,
    haben mir dadurch die Möglichkeit zur Erwerbung von wichtigen
    Ken̄tnissen gegeben, die ich als Dozent für Nervenkrankheiten
    wie in meiner ärztlichen Thätigkeit zu verwerten hoffe.

    Wien, zu Ostern 1886.

Ganz fertig / zutreffend
Nicht erforderlich/
Ganz fertig / zutreffend