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    [WIENER KLINISCHE WOCHENSCHRIFT 1896. NR. 43
    Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wine.
    Sitzung am 11. Juni 1895.]

    1. Discussion über den Vortrag des Docenten Dr. Freud
    Ueber Zwangsvorstellungen" (Sitzung am 15. Januar).

    1. Hofrat v. Krafft-Ebing gibt ein Resumé über den Vor-
    trag Freud's, nimmt sodann Stellung gebenüber einzelnen Punkten.
    Die Trennung der Phobie und der Zwangsvorstellungen ist als be-
    rechtigt anzuerkennen. Die Zwangsvorstellungen kommen bei verschie-
    denen psycho- und neuropathologischen Zustände vor; damit Zwangsvor-
    stellungen sich entwickeln und haften können, bedarf es einer ganz
    besonderen Beschaffenheit des Nervensystems, eines Zustandes von reiz-
    barer Schwäche, der auch das Wesentliche der neurasthenischen Neurose
    ist. Beim einzelnen Individuum können bestehende Zwangsvorstellungen
    allerdings wieder ganz verschwinden, trotzdem aber erfahrungsgemäss
    häufig wieder paroxystisch hervor. Im Grossen und Ganzen entsprechen
    die Zwangsvorstellungen einer neursthenischen Verfassung des Nerven-
    systems, die als constitutionell und meist auch hereditär gedacht werden
    muss. Diese zu fordernde Disposition des Individuums erscheint von
    Freud nicht genügend betont. ein besonderer Mechanismus ist für
    die Zwangsvorstellungen

     

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    [Spatium 1]

    Ich nicht zum deutlichen Berwusstsein gelant, werden nie als Erinne-
    rungen, sondern als Vorstellungen percipirt.

    Der Grund hiefür liegt in unserem Ichgefühl, in dessen gegen-
    wärtiger Deutlichkeit das „Ich war früher" mit unwiderleglicher Evi-
    denz gelegen ist.

    Die Bedingungen für das Zustandekommen der Zwangsvorstell-
    ungen sind demnach in einer Abänderung des Selbstbewusstseins zu
    suchen, und zwar in dem Sinne, dass die Ichvorstellung nicht mit 
    jender Deutlichkeit im Bewusstsein gegenwärtig ist, wie es dem nor-
    malen psychischen Leben zukommt.

    Vortragender behält sich noch vor, über den Charakter dieser Veränderung sich an diesem Ort bei einer anderen Gelegenheit zu
    äussern.

    Wenn Freud den sexuellen Vorgängen beim Zustandekommen
    der Zwangsvorstellungen eine so grosse Bedeutung beimisst, so kann
    man ihm nur beistimmen, jedoch mit der Beschränkung, dass sexuelle
    Unregelmässigkeiten nur eine der vielen Ursachen bilden. Der Ge-
    schlechtstrieb spielt in unserem Leben eine eigenthümliche Rolle;
    einestheils gehört erzu unseren stärkeren Trieben, anderntheils erfährt
    er durch das sittliche Urtheil eine niedrige Wertschätzung. Durch
    diesen Gegensatz ist die Bedingung für intensive psychische Conflicte
    gegeben, welche insbesondere für die Frauen von grosser Bedeutung
    sind. Ihre sociale Existenz hängt mit den sexuellen Vorgängen innig
    zusammen, so dass gerade auf diesem Gebiete ihre genaze Selbst-
    beherrschung herausgefordert wird.

    Der häufige Kampf mit diesem Instincte und das häufige Unter-
    liegen muss nothwendigerweise mit dem Misserfolgaffect, wie Reue,
    Scham, hervorrufen und erzeugt dann jenes GEfühl der Leistungsun-
    fähigkeit, das den günstigsten Boden für das Zustandekommen der
    Zwangsvorstellungen bildet. Aber dieser psychische Zustand von Klein-
    müthigkeit kann auch durch andere umstände erzeugt werden. Die
    Erfahrung lehrt, dass sich die Neursthenie auch bei Individuen mit
    intacter sexueller Function entwickelt. Der KRanheit gehe in solchen
    Fällen langdauernde geistige Ueberanstrengung voraus. Oder es sind
    Menschen inmitten einer Lebenslage, die Anforderungen an ihre psy-
    chische Leistungsfähigkeit stellt, denen sie nicht gewachsen sind. Alles
    das – was eine Erschütterung des Selbstbewusstseins und Misstrauen
    in sich selbst zu erzeugen vermag – scheint jene psychische Ver-
    fassung hervorzurufen, die Zwangsvorstellungen preisgegeben ist.

    Auf die Frage bezüglich der TRennung der Phobie von den
    Zwangsvorstellungen will Vortragender demnächst ausführlich zurück-
    kommen.

    Dr. Freud: Bei v. Krafft-Ebing habe er vorwiegend
    Zustimmung gefunden. Er ahne eine Differenz in Betreff der Allgemein-
    giltigkeit seiner Aufstellungen. ...
    ....
    ...

    Für eine Reihe von Fällen mit Folie de doute habe v. Krafft-
    Ebing
    die Zurückführung auf die neurasthenische Gedächtniss-
    schwäche und das berechtigterweise auf sie gegründete Misstrauen in
    die eigene Erinnerung versucht. Er zögere, sich dieser Erklärung an-
    zuschliessen, weil es so viel Kranke mit neurasthenischer Gedächtniss-
    schwäche gäbe, die nicht ohne den bekannten „Zettel" beim Arzt er-
    scheinen, die doch sich der Folie de doute verschont zeigen. Es
    müsse da noch etwas hinzukommen. Zufällig habe er aber keinen
    solchen Fall von diffuser Zweifelsucht analysiren können, so dass er
    eine bestimmte Auskunft hier nicht geben könne. Nach Verschiedenem,
    was er beobachtet, meine er, die diffuse Folie de doute sei ein End-
    zustand, der sich bei solchen Personen herausbilde, die jahrelang
    an einzelnen Zwangsvorstellungen gelitten haben.

    ---
    [Spatium 2]

    Entschiedener müsse er sich gegen Holländer verwehren,
    dessen Ausfürhungen keine Rücksicht darauf nehmen, dass er (Freud)
    eben neues Material zur Auffassung der Zwangsvorstellungen bei-
    gebracht habe. Es sei gewiss nicht unmöglich, eine psychologische Er-
    klärung der Zwangsvorstellungen zu geben, ja dies möchte auf mehr
    als eine Art gelingen; allein, wo habe man eine Gewähr für deren
    Richtigkeit? Nur jene psychologische Erklärung habe Anspruch auf
    Beachtung, welche den klinisch festgestellten Charakteren der Zwangs-
    vorstellungen Rechnung trage. Des Vortragenden eigene Darstellung
    habe es einstweilen vermieden, eine psychologische Theorie aufzu-
    stellen und nur soviel von psychologischen Terminis verwendet, als zur
    Uebersetzung gleichsam des Thatbestandes notwendig gewesen sei.
    Diesem Thatbestand trage Holländer keine Rechnung. Was be-
    deute die Darstellung: „Die Angst der Phobie entstünde, wenn das
    Ich sich zu schwach (mikropsychisch) fühle, seine Vereinigung mit
    einer gewissen Vorstellung zu vollziehen, weil die Vorstellung des Ich
    nicht deutlich geug dazu sei," worin übrigens eine doppelsinnige An-
    wendung von „Verneinung" enthalten sei, gegen die schlichte That-
    sache, dass Phobien bei normaler Vita sexualis nicht vorkommen? –
    Er müsse ferner noch eine Bemerkung Hollöänder's über die
    Scheidung von Zwangsvorstellungen und Phobien berichtigen. Hollän-
    der
    habe bestritten, dass der Affect bei den Zwangsvorstellungen con-
    stant sei im Vergelech zum wechselnden vorstellungsinhalt, an dem
    sich der Affect knüpfe. Er habe hervorgehoben, dass bei den Zwangs-
    vorstellungen auch der Affect ein wechselnder sei, Zweifel, Angst,
    Schuldbewusstsein u. dgl. Allein hier liege eine Verwechslung vor: es
    sei nicht geleugnet worden, dass der Affect der Zwangsvorstellungen
    ein mannigfaltiger sein, jedoch bleibe er für jeden einzelnen Fall der
    nämliche bei wechselndem Inhalt.

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