• S.

    [1]

    Paranoia.

    Die Wahnvorstellg steht in der Psycheatrie der Zwangs=
    vorstellg als rein intellektuelle Störung, die Paranoia 
    neben dem Zwangsirresein als intellektuelle Psychose. Wenn 
    die Zwangsvorstellg einmal auf Affektstörg zurückgeführt 
    ist, der Nachweis erbracht ist, daß sie ihre Stärke einem Conflict 
    verdankt, dann muß die Wahnvorstellg derselben Auffassung 
    verfallen, dan̄ ist auch sie die Folge von Affektstörungen
    und verdankt ihre Stärke einem psychologischen Vorgang. 

    Das Gegentheil davon wird von den Psychiatern angenom̄en, 
    während der Laie gewohnt ist, den Wahnsinn von erschütternden 
    seelischen Erlebnißen abzuleiten. Wer über gewiße Dinge 
    den Verstand nicht verliert "der hatte keinen zu verlieren"

    Es ist nun in der That so: Die chronische Paranoia in 
    ihrer klassischen Form ist ein pathologischer Modus der
    Abwehr
    wie Hysterie, Zwangsneurose und hallucinatorische 
    Verworrenheit, Man wird paranoisch über Dinge, die 
    man nicht vertragt, vorausgesetzt, daß man die eigen-
    thümliche psychische Defu Disposition dazu besitzt. 

    Worin besteht diese Disposition? In der Neigg zu dem, was das 
    psychische Ken̄zeichen der Paranoia darstellt, und dies wollen wir uns 
    an einem Beispiel betrachten. 

    Eine etwa 30j. alternde Jungfrau lebt mit Bruder u Schwester gemeinsam. 
    Sie gehören dem besseren Arbeiterstande an, der Bruder arbeitet sich 
    zum kleinen Fabrikanten empor. Unterdeß vermiethen sie ein 
    Zim̄er an einen Genossen, einen vielgereisten, etwas rätselhaften 
    sehr geschickten u intelligenten Mann, der 1 Jahr lang bei ihnen 
    haust u ihnen der beste Kamerad u Gesellschafter ist. Der Man̄ zieht 
    wieder ab, um nach 6 Monaten wiederzukehren. Er bleibt jetzt 
    nur kürzere Zeit u verschwindet dan̄ endgiltig. Die Schwestern 
    bedauern oft seine Abwesenheit, wissen ihm nur Gutes nachzusagen 
    doch erzählt die jüngere der älteren von einem Mal, wo er 
    den Versuch machte, sie in Gefahr zu bringen. Sie räumte die
    Zim̄er auf, während er noch im Bette lag; da rief er sie zum 
    Bett u als sie ahnungslos kam, gab er ihr seinen Penis 
    in die Hand. Die Scene hatte keinerlei Fortsetzung,

  • S.

    [2]

    Der Fremde verreiste bald nachher

    Im Laufe der nächsten Jahre wurde die Schwester, die das erlebt hatte,
    leidend, began̄ zu klagen u endlich formte sich ein unverken̄barer
    Beachtungs- u Verfolggswahn des Inhaltes: die Nachbarin̄en bedauerten
    sie als eine Sitzen gebliebene, die im̄er noch auf jenen Man̄ warte,
    man mache ihr Andeutgen dieser Art, sage ihr allerlei in Bezug
    auf diesen Man̄ nach udgl. Das sei natürlich alles unwahr. Diesem
    Zustand verfällt die Kranke seither nur auf Wochen, sie wird
    zeitweise wieder klar, erklärt das alles für Folgen der Aufregg,
    leidet übrigens auch in Intervallen an unschwer sexuell
    zu deutender Neurose – und geräth bald wieder in einen neuen
    Schub von Paranoia hinein.

    Die altere Schwester hat mit Erstaunen bemerkt, daß die Kranke, sobald
    das Gespräch auf jene Scene der Versuchg kam, dieselbe läugnete.
    Breuer erfuhr von dem Fall, er wurde zu mir geschickt und ich bemühte
    mich, den Drang zur Paranoia zu heilen, dadurch daß ich die Erin̄erg
    an jene Szene in ihr Recht einsetzen wollte. Es gelang nicht, ich
    sprach sie 2mal, ließ mir in der Concentrationshypnose alles auf
    den Gast Bezügliche erzählen, bekam auf meine dringenden Fragen 
    ob nicht doch etwas „Genantes“ vorgefallen, die entschiedenste
    Verneinung zur Antwort u – sah sie nicht wieder. Sie ließ
    mir mittheilen, es rege sie zu sehr auf. Abwehr! Das war klar
    zu erken̄en. Sie wollte nicht daran erin̄ert werden, folglich
    hatte sie es absichtlich verdrängt.

    Die Abwehr war ganz unzweifelhaft, sie hätte sich ebensowol
    ein hysterisches Symptom oder eine Zwangsvorstellung an-
    schaffen können. Worin lag aber das Eigenthümliche der paranoischen
    Abwehr?

    Sie ersparte sich etwas; etwas wurde verdrängt. Es läßt sich errathen,
    was. Wahrscheinlich war sie wirklich in Aufregg ob des Anblicks
    gerathen u ob der Eriñerg daran. Sie ersparte sich also den
    Vorwurf: eine „schlechte Person“ zu sein. Denselben bekam sie dan̄
    von außen zu hören. Der sachliche Inhalt blieb also ungestört
    erhalten, es änderte sich aber etwas an der Stellung des ganzen
    Dinges. Früher war es ein in̄erer Vorwurf, jetzt eine
    von außen kom̄ende Zumuthung. Das Urtheil über sie war
    nach außen proji versetzt, die Leute sagten das, was sonst
    sie sich gesagt hätte. Etwas war profitirt dabei. Das

    [Anmerkung:
    Der Begriff "Genantes"  leitet sich von "genieren" (schämen) und "genant" (beschämend) ab.]

  • S.

    [3]

    von in̄en erfolgte Urtheil hätte sie acceptiren müßen, das von außen 
    anlangende kon̄te sie annehmen. ablehnen. Das Urtheil, der Vorwurf war
    somit vom Ich ferngehalten
    .

    Die Paranoia hat also die Absicht, eine dem Ich unerträgliche 
    Vorstellg dadurch abzuwehren, daß indem der Thatbestand in die Außenwelt
    projicirt wird. 

    Zwei Fragen: Wie kom̄t man zu einer solchen Verlegung? Gilt das
    noch für andere Fälle von Paranoia.?

    Ad I). Sehr einfach, es handelt sich um den Misbrauch eines im Normalen
    sehr häufig gebrauchten psychischen Mechanismus der Verlegung oder
    Projektion Erstens haben wir die Bei jeder in̄eren Veränderg haben
    wir die Wal, ob wir eine in̄ere oder äußere Ursache annehmen
    wollen. Wo uns etwas von dem in̄eren Hergang abdrängt, werden wir
    natürlich zum äußeren greifen. Zweitens sind wir gewöhnt, daß
    unsere in̄eren Zustände (durch den Ausdruck der Gemütsbewegg)
    den Anderen verrathen werden. Das ergiebt den normalen Beachtungs-
    wahn und die normale Projektion. Normal ist das nämlich, so lange
    wir uns dabei unserer eigenen in̄eren Verändg bewußt
    bleiben. Vergessen wir an die, erübrigt nur der Schenkel, des
    Syllogismus, der nach aussen führt, so ist die Paranoia damit der
    Überschätzg dessen, was man von uns weiß u dessen, was man
    uns angethan hat. Was weiß man von uns, was wir gar nicht
    wissen, nicht zugeben können. Also Misbrauch des Projektions-
    mechanismus zu Zwecken der Abwehr. 

    Bei den Zwangsvorstellgen geht nämlich etwas ganz analoges vor sich.
    Auch der Substitutionsmechnanism ist ein normaler. Wen̄ die alte
    Jungfrau sich einen Hund hält, der Hagestolz Tabakdosen sam̄elt,
    so substituirt erstere ihr Bedürfniß nach ehelicher Gemeinschaft, letzterer
    sein Bedürfniß nach – zahlreichen Eroberungen. Jeder Sam̄ler ist
    ein substituirter Don Juan Tenorio, wie auch der Bergspitzenbezwinger 
    der Sportsman udgl Es sind das erotische Aequivalente. Die Frauen
    ken̄en sie auch. Die gynek Behandlg fällt unter diesen Gesichtspunkt 
    Es giebt 2 Sorten von kranken Frauen, die einen die ihrem Arzt
    so treu sind wie einemihrem Mann, die anderen die ihre Ärzte so
    wechseln wie die Liebhaber. 

    Dieser normal wirkende Substitutmechanism wird nun bei den
    Zwangsvorstellg misbraucht – gleichfalls zu Zwecken der Abwehr.  

  • S.

    [4]

    Nun gilt eine solche Auffassg auch für andere Fälle von Paranoia?
    Ich sollte meinen für alle; Ich will Muster hernehmen. 

    Der Querulantparanoiker verträgt die Idee nicht, daß er unrecht gethan
    hat, oder daß er sich von seinem Besitz tren̄en soll. Folglich ist das
    Urtheil nicht rechtskräftig, er hat nicht Unrecht udgl. Der Fall ist zu
    klar vielleicht nicht ganz eindeutig, etwa einfacher aufzulösen. 

    Die grande nation kan̄ die Idee nicht fassen, daß sie im Krieg besiegt werden
    kan̄. Ergo ist sie nicht besiegt worden, der Sieg gilt nicht; sie giebt das
    Beispiel einer Massenparanoia u erfindet den Wahn des Verraths.
    Der Alkoholiker wird sich nie eingestehen, daß er durch Trinken impotent
    geworden ist. Soviel Alkohol er verträgt, diese Einsicht verträgt er nicht,
    also ist die Frau die Schuldige – Eifersuchtswahn udgl. 

    Der Hyochonder wird lange ringen, bis er für seine Empfindg von schwerem
    Kranksein den Schlüssel gefunden hat. Er wird sich nicht eingestehen, daß
    sie von seinem sex. Leben rühren, es gewährt ihm aber die größte
    Befriedigg, wen̄ sein Leiden kein endogenes, nach Moebius sondern
    ein exogenes ist, folglich ist er vergiftet. 

    Der beim Avancement übergangene Beamte bedarf das Verfolggscomplot
    u das Ausspionirtwerden in seinem Zim̄er, sonst muß er sich seinen
    Schiffbruch eingestehen. 

    Es muß ja nicht im̄er Verfolgswahn sein, der so entsteht. Ein Größenwahn 
    leistet es vielleicht noch besser, das Peinliche vom Ich abzuhalten.
    Da ist die verblühte Köchin, die sich an den Gedanken gewöhnen dürfte,
    daß sie vom Liebesglück ausgeschlossen bleibt, das ist der richtige
    Moment für den Herrn gegenüber, der sie offenbar heiraten
    will u es ihr in so merkwürdig schüchterner Weise aber doch
    unverken̄bar zu verstehen gibt. 

    In allen Fällen wird die Wahnidee gehalten mit der selben Energie,
    mit welcher eine andere unerträglich peinliche Idee vom Ich
    abgewehrt wird. Sie lieben also den Wahn wie sich selbst. Das
    ist das Geheimniß. 

    Nun wie verhält sich diese Form der Abwehr zu den bereits
    gekan̄ten: 

    1) Hysterie 2) Zwangsvorst 3). halluc. Verworr, 4) Paranoia.
    In Betracht kom̄t: Affekt, Zufall der Vorstellg 
    u die Hallucinationen. 
     

  • S.

    5

    1) Hysterie: Die unerträgliche Vorstellung wird nicht zur Association 
    mit dem Ich zugelassen. Ihr Inhalt bleibt abgesprengt erhalten, [¿¿] fehlt 
    im Bewußtsein, ihr Affekt durch Conversion ins Körperliche – Psychoneurose 
                                                                                                           die einzige.

    2) Zwangsvorstellg. Die unv. V. wird gleichfalls nicht zur Association
    zugelassen. Affekt bleibt erhalten; Inhalt substituirt. 

    3). Halluc. Verworrenheit: Ganze unverträgl Vorstellg – Affekt u 
    Inhalt vom Ich abgehalten, was nur auf Kosten einer 
    partiellen Lösg von der Außenwelt möglich. Es kom̄t zu 
    Hallucinationen, die dem Ich freundlich sind, nur die Abwehr unterstützen.

    4) Paranoia. Inhalt und Affekt der unv. V. erhalten, recht im 
    Gegensatz zu 3), aber in die Außenwelt projicirt  – Halluc, 
    die bei manchen Formen entstehen, sind dem Ich feindlich 
    unterstützen aber die Abwehr.

    Im Gegensatz dazu die hysterischen Psychosen, in denen gerade 
    die abgewehrten Vorstellg zur Macht kom̄en. Typus Anfall 
    und Etat second. Hallucinationen sind Ich feindlich

    Übersicht

     

    abgewehrte Affekt

    Vorstellgsinhalt

    Hallucination

    Facit

    Hysterie

    durch Conversion
    erledigt  -

    fehlt dem Bewussts.
    -

    –––––

    labile Abwehr 
    mit gutem Gewinn

    Zwangsvorst.

    erhalten  +

    fehlt dem Bew.
    -   substituirt.

    –––––

    Dauernde Abwehr 
    ohne Gewinn

    Halluc Verw.

    fehlt  -

    -   fehlt.

    ichfreundlich 
    abwehrfreundlich

    Dauernde Abwehr 
    glänzender Gewinn

    Paranoia

    erhalten  +

    +   erhalten
    hinausprojicirt 

    ichfeindlich 
    abwehrfreundlich

    Dauernde Abwehr 
    ohne Gewinn

    Hysterische 
    Psychose

    beherrscht  
    sein +

    das Bewusst-
    +

    ichfeindlich
    abwehrfeindlich

    Mislungene
    Abwehr

     

    Wahnidee ist entweder Abklatsch oder Gegensatz der abgewehrten 
                                                                             „(Größenwahn) 
    Paranoia u Halluc Verworrh sind die beiden Trotz- oder Justamentpsychosen. 
    Die „Eigenbeziehg" der Paranoia = analog der Halluc der Verworrh, die ja 
    gerade das Gegentheil der abgewehrten Thatsache behaupten wollen. 
    So will Eigenbeziehg stets die Richtigkeit der Projektion erweisen.